Fossiles ins Museum – nicht in den Tank

Fossiles ins Museum – nicht in den Tank

Fossiles ins Museum – nicht in den Tank

© Rain­er Sturm/pixelio.de

Kli­maziele im Verkehrssek­tor erre­ichen – geht das? Klar, sagt eine Mobil­itätsstudie der Forschungsstelle Infras. Eben­so klar zeigt die Unter­suchung jedoch auf: Wir müssen uns gehörig sputen, um den Zug in Rich­tung Net­to-Null nicht zu verpassen.

aus VCS-Mag­a­zin 4/2021

© VCS Schweiz

Auf Schweiz­er Strassen liegt wahrlich noch viel Poten­zial, um den Ausstoss von Treib­haus­gasen zu reduzieren: Rund ein Drit­tel der jährlich 50 Mil­lio­nen Ton­nen in der Schweiz aus­gestosse­nen kli­maschädlichen Gase wer­den im Strassen­verkehr ver­pufft. Offen­sichtlich: Es gibt drin­gen­den Hand­lungs­be­darf, um die CO2-Emis­sio­nen auch im Verkehr zu senken.

Der VCS hat darum das unab­hängige Zürcher Forschungs­büro Infras mit der Berech­nung von Verkehrsszenar­ien beauf­tragt. Die Fragestel­lung: «Welch­er Mass­nah­men bedarf es, damit die Schweiz bis spätestens 2050 ohne Ben­zin und Diesel mobil ist – und damit den Paris­er Kli­mazie­len gerecht wird?» Zu ebendiesen hat sich die Schweiz 2015 verpflichtet. Die Stimm­bevölkerung hat dieses Kli­maabkom­men am 13. Juni mit dem Nein zum CO2-Gesetz auch keineswegs infrage gestellt – bloss ein entsprechen­des Mass­nah­men­paket. Und auch dies äusserst knapp.

Der steinige Weg

Fra­g­los wäre der Rück­en­wind des CO2-Geset­zes hil­fre­ich gewe­sen. Aber es geht auch ohne – wenn der poli­tis­che Wille da ist. Die Gross­wet­ter­lage scheint allen Wider­wär­tigkeit­en zum Trotz gün­stig: Ver­traut man den gemäs­sigt bürg­er­lichen Kräften im Bun­de­shaus und deren Leitme­di­en, so lässt sich aus dem Trüm­mer­feld des versenk­ten CO2-Geset­zes noch das eine oder andere ret­ten. Auch das Mod­ell ein­er Lenkungsab­gabe scheint nicht abwegig – so sie denn vom zu äuf­nen­den «Kli­ma­fonds» befre­it wird, welch­er lib­eralen Gemütern offe sichtlich sus­pekt war und allzu sehr nach dif­fusem Sub­ven­tion­stopf roch. Das wäre zumin­d­est ein Anfang.

Alleine genom­men genügt das Instru­ment jedoch nicht: Das Infras-Autorenteam kommt denn auch zum Schluss: «Fos­sil­freier Verkehr in der Schweiz ist mach­bar – der Weg dahin ist allerd­ings sehr ambi­tion­iert.» Ob er gelingt, wird auch eine Frage des Zei­tho­r­i­zonts sein.

© Petra Bork/pixelio.de

Sportlicher Fahrplan

Im besten Fall gelänge der Ausstieg aus Ben­zin und Diesel bis ins Jahr 2030. Es ist aber unwahrschein­lich, dass die Erneuerung des Schweiz­er Fahrzeug­parks rechtzeit­ig so viel Fahrt aufn­immt. Zudem bed­ingt ein der­art sportlich­es Ziel gemäss Infras-Studie, dass die Nach­frage beim öffentlichen Verkehr (ÖV) sowie beim Fussund Veloverkehr inner­halb von weniger als zehn Jahren ver­dop­pelt wird. «Diese Kapaz­itäten kann die Infra­struk­tur ins­beson­dere im ÖV in dieser kurzen Zeit nicht bere­it­stellen», sagt Stu­di­en­au­tor Daniel Sut­ter. Eben­falls illu­sorisch machen den Ausstieg bis 2030 die dafür benötigten Men­gen an syn­thetis­chen Treib­stoffe und der damit ver­bun­dene Energiebe­darf. Real­is­tis­ch­er bew­ertet Sut­ter das Szenario, bis 2040 fos­sil­frei vor­wärt­szukom­men. Ein Maibum­mel wird jedoch auch dies nicht: «Das ist tech­nisch umset­zbar, bedarf aber ein­schnei­den­der und rasch wirk­ender zusät­zlich­er Anstren­gun­gen. Denn mit tech­nol­o­gis­ch­er Entwick­lung alleine wäre die Fos­sil­frei­heit bis 2040 nicht zu erreichen.»

So müssten Ben­zin und Diesel stark ver­teuert oder ver­boten wer­den. «Par­al­lel dazu müssten Strom und Energi­eträger wie etwa syn­thetis­che Treib­stoffe in grossen Men­gen bere­it­gestellt wer­den.» Dies bedürfe eines kräfti­gen Aus­baus der Pro­duk­tion­ska­paz­itäten von erneuer­barem Strom, um genü­gend nicht­fos­silen Treib­stoff im In- und Aus­land her­stellen zu können.

© Tim Reckmann/pixelio.de

Die Vorwärtsstrategie des VCS

Die unab­hängige Studie unter­mauert unmissver­ständlich: Weit­er­ma­chen wie wei­land geht nicht. Der VCS leit­et aus den wis­senschaftlichen Vorschlä­gen einen Mas­ter­plan ab, wie der fos­sil­freie Verkehr erre­icht wer­den soll. Er enthält dur­chaus auch Mass­nah­men, welche im CO2-Gesetz Schiff­bruch erlit­ten, die aber das Poten­zial zur Mehrheits­fähigkeit haben – sofern sie um beson­ders umstrit­tene Sup­ple­ments erle­ichtert wer­den. Das Parade­beispiel hiefür ist die CO2-Abgabe auf Treibstoffe.

Daneben schlägt der Mas­ter­plan zahlre­iche weit­ere Mass­nah­men vor. Auch Tem­po 30 als Innerorts-Lim­it. «Dies fordert der VCS bere­its seit Jahren», sagt Stéphanie Pen­her, Lei­t­erin Verkehrspoli­tik beim VCS. «Tem­po 30 wirkt indi­rekt auf das Kli­ma, weil der Umstieg aufs Fahrrad attrak­tiv­er und der Veloverkehr sicher­er wird.»

Zünd­stoff bergen indes ein­schnei­dende Mass­nah­men wie etwa jene eines Zulas­sungsstopps für neue Fahrzeuge mit Ver­bren­nungsmo­tor. Ein solch­es Imma­triku­la­tionsver­bot wäre hochwirk­sam, meint Pen­her, man sei sich jedoch der Brisanz dieses Vorschlags gewahr: «Knack­punkt dürfte dabei auch der Ter­min sein: Ein Ver­bot müsste ob der Lan­glebigkeit des Fahrzeug­parks beizeit­en in Kraft treten. Selb­st dann sind noch jahre­lang Ben­zin­er und Diesler auf Schweiz­er Strassen unter­wegs.» Der VCS schlägt darum vor, die Zulas­sung neuer Ver­bren­ner-PW ab 2030 zu verbieten.

Dass sich der VCS auch im Angesicht des versenk­ten CO2-Geset­zes inten­siv mit der Erfül­lung der Kli­maziele auseinan­der­set­zt und sich auch an weniger pop­uläre Mass­nah­men traut, zeuge nicht von Sturheit, son­dern von Real­itätssinn, meint Pen­her und posi­tion­iert den Ver­band als klaren The­men­führer: «Mit dem Mas­ter­plan zeigen wir den Weg auf, wie ein fos­sil­freier Verkehr frist­gerecht möglich ist und umge­set­zt wer­den kann.»

Dabei stün­den zwei Stoss­rich­tun­gen im Vorder­grund: «Erstens zielt der Mas­ter­plan auf die Verkehrsnach­frage, welche sich mit klug einge­set­zten Instru­menten dur­chaus bee­in­flussen und steuern lässt, und zweit­ens müssen tech­nol­o­gis­che Verbesserun­gen erre­icht wer­den.» Das Gelin­gen hänge überdies stark von der Bere­itschaft und vom guten Zusam­men­spiel aller staat­spoli­tis­chen Ebe­nen ab: Der Bund ste­ht eben­so in der Pflicht wie die Kan­tone und die Gemeinden.

Andreas Käser­mann

Vier Fragen an …

Daniel Sut­ter, Stu­di­en­au­tor und Geschäft­sleit­er Infras

Daniel Sut­ter, Sie arbeit­eten als Co-Autor der Studie «fos­sil­freie Mobil­ität» und zeich­nen ein recht genaues Bild der Verkehrszukun­ft. Wie lässt sich eine solche Prog­nose erstellen und wie exakt kann sie sein?

Vor­ab ist wichtig zu beto­nen, dass wir keine Prog­nose erstellt haben, son­dern Szenar­ien – im Sinne von «Wenn-dann-Aus­sagen». Wir zeigen auf, wie die Verkehrszukun­ft ausse­hen kön­nte, wenn entsprechende Mass­nah­men ergriffe wer­den. Dabei stützen wir uns auch auf Erken­nt­nisse aus den Wirkun­gen ander­er, schon umge­set­zter Mass­nah­men sowie auf die Poten­ziale einzel­ner Mass­nah­men. Hier­bei spie­len die Grösse der poten­ziellen Ziel­grup­pen sowie die Zeitachse eine wichtige Rolle.

Was war für Sie die über­raschend­ste Erken­nt­nis aus der Studie?

Zwei Dinge waren für mich beson­ders ein­drück­lich: Erstens lässt sich das Ziel eines fos­sil­freien Verkehrs bis 2050 mit bekan­nten und bei Fach­leuten bre­it akzep­tierten Mass­nah­men gut erre­ichen, wenn schnell und umfassend gehan­delt wird. Es braucht dazu kein Notrecht. Zweit­ens wird aber auch sehr deut­lich, dass tech­nis­che Mass­nah­men – vor allem die Elek­tri­fizierung – zwar eine zwin­gende Voraus­set­zung sind, aber alleine nicht aus­re­ichen. Um 2050 einen fos­sil­freien Verkehr ökonomisch effizient zu erre­ichen, sind auch Mass­nah­men zur Bee­in­flus­sung der Verkehrsnach­frage notwendig. Andern­falls wer­den der Bedarf an teuren, syn­thetis­chen Treib­stof­fen sowie erneuer­barem Strom für den Verkehr enorm hoch.

In welchem Bere­ich erwarten Sie die grössten Schwierigkeit­en bei der Umset­zung der Massnahmen?

Die Erfahrung zeigt, dass die Akzep­tanz preis­lich­er Mass­nah­men im Bere­ich des motorisierten Per­so­n­en­verkehrs in der Ver­gan­gen­heit teil­weise kri­tisch war. Den­noch ist eine Ver­teuerung des fos­silen Indi­vid­u­alverkehrs eine zen­trale Mass­nahme zur Ziel­er­re­ichung. Damit wird ein­er­seits beim Autokauf ein Sig­nal geset­zt, das zu ein­er Ver­lagerung hin zu alter­na­tiv­en Antrieben führt. Ander­er­seits wird auch eine Ver­ringerung der gefahre­nen Kilo­me­ter mit den verbleiben­den Ver­bren­ner­fahrzeu­gen erreicht.

Wie schätzen Sie den poli­tis­chen Willen und die Bere­itschaft ein, sich auf die Mass­nah­men einzulassen?

Wenn die Instru­mente zur Umset­zung klar aus­gestal­tet sind, dürften auch poli­tis­che Mehrheit­en möglich sind. Dazu gehört beispiel­sweise, dass eine CO2-Lenkungsab­gabe voll­ständig zurück­er­stat­tet wird, was ökonomisch effizient und sozialpoli­tisch gün­stig ist. Generell ist wichtig zu beto­nen, dass die genan­nten Mass­nah­men ins­ge­samt pos­i­tive soziale Verteilungswirkun­gen haben: Am meis­ten betrof­fen sind näm­lich immer Haushalte mit hohem Einkom­men, weil diese im Mit­tel mehr PW-Kilo­me­ter mit ver­brauchsstärk­eren Fahrzeu­gen zurück­le­gen. Hier haben Fach­leute und Poli­tik gegenüber der Öffentlichkeit noch viel Infor­ma­tion­sar­beit zu leisten.

«Wir müssen die Weichen jetzt richtig stellen»

«Wir müssen die Weichen jetzt richtig stellen»

«Wir müssen die Weichen jetzt richtig stellen»

© Beat Mumenthaler/Uvek

Es liegt ein grif­figes CO2-Gesetz auf dem Tisch. Was die Mass­nah­men im Verkehrs­bere­ich dem Kli­ma nützen und warum ihr die Abstim­mung keine schlaflosen Nächte beschert, erk­lärt die zuständi­ge Bun­desrätin Simon­et­ta Som­maru­ga im Interview.

aus VCS-Mag­a­zin 2/2021

© VCS Schweiz

Frau Bun­desrätin, im Juni stim­men die Schweiz­er Stimm­berechtigten über das CO2-Gesetz ab. Entre nous: Haben Sie darob schon schlaflose Nächte?

Ich nehme diese Abstim­mung sehr ernst. Es geht um die Zukun­ft unser­er Kinder und Enkel. Deshalb bin ich froh, dass ein grif­figes Gesetz auf dem Tisch liegt, das dem Kli­ma und den Men­schen etwas bringt. Ich bin überzeugt, dass eine Mehrheit der Stimm­bürg­erin­nen und Stimm­bürg­er dies auch so sehen wird. Somit ste­ht es gut um meinen Schlaf. Das Gesetz legt den Grund­stein für die Kli­mazukun­ft des Lan­des. Die Schweiz soll bis 2050 kli­ma­neu­tral sein. Bis dahin dauert es noch rund eine Gen­er­a­tion. Ist das ambi­tion­iert genug? Eini­gen dauert das zu lange. Ich will auch, dass es vor­wärts geht. Wer jet­zt nein sagt, hil­ft aber nicht jenen, die das Kli­ma rasch­er und kon­se­quenter schützen wollen, son­dern es gewin­nen jene, die weit­er­hin möglichst viel Öl verkaufen wollen. Das wäre ein gross­er Rückschritt im Kli­maschutz. Deshalb müssen wir die Weichen jet­zt richtig stellen. Das tut das Gesetz. Nach 2030 wer­den die Anstren­gun­gen weit­erge­hen. Wir sind beim Kli­maschutz noch lange nicht am Ziel.

Mobil­i­ty Pric­ing ist keine Alter­na­tive zum CO2-Gesetz, son­dern allen­falls ein Ansatz zum Entschär­fen der Verkehrsprob­leme in den Städten und Agglomerationen.

Blick­en wir auf einige Punk­te, welche den Verkehr und die Mobil­ität betr­e­f­fen: Im CO2-Gesetz ist ein Neuwa­gen­ziel enthal­ten. Neue Autos müssen dem­nach ihren CO2-Ausstoss hal­bieren. Was kann getan wer­den, um die Her­steller hier auf Kurs zu bringen?

Für importierte Fahrzeuge wer­den die Vorschriften – angelehnt an die stren­geren Vorschriften der EU – ver­schärft. Die Autoim­por­teure müssen Neuwa­gen anbi­eten, die weniger Ben­zin und Diesel ver­brauchen oder elek­trisch fahren und somit weniger CO2 ausstossen. Hal­ten sie diese Vor­gaben nicht ein, zahlen sie eine Sank­tion. Dies wird für die Her­steller und auch die Impor­teure ein Anreiz sein, effizien­tere Fahrzeuge zu pro­duzieren und zu verkaufen.

Auch der öffentliche Verkehr (ÖV) soll mitziehen. Diesel­busse sollen durch Elek­tro­fahrzeuge erset­zt wer­den. Der Nutzen liegt auf der Hand; birgt dies nicht die Gefahr, dass der ÖV sehr viel teur­er – und so auch geschwächt – wird?

Im Gegen­teil! Elek­trobusse sind zwar noch teur­er bei der Anschaf­fung. Aber diese Kosten wer­den sinken, auch die Bat­te­rien wer­den gün­stiger, und im Betrieb sind die Elek­trobusse langfristig gün­stiger als Diesel­busse. Die Wartungskosten sind tiefer, und der Strom ist gün­stiger als Diesel. Mit dem Gesetz wird zudem ein Fehlanreiz beseit­igt: Die Rück­er­stat­tung der Min­er­alöl­s­teuer für Diesel­busse des ÖV fällt schrit­tweise weg.

© Beat Mumenthaler/Uvek

Mit dem Gesetz soll auch eine Flugtick­etab­gabe erhoben wer­den. Diese war in den bish­eri­gen Debat­ten hart umkämpft. Die Geg­n­er­schaft nen­nt sie ja sog­ar eine Steuer. Welche Hauptvorteile sehen Sie in dem Instru­ment? Erwarten Sie einen Rück­gang des Flugverkehrs?

Für mich ist klar: Auch der Flugverkehr muss seinen Beitrag an den Kli­maschutz leis­ten. Ich bin deshalb froh, dass das Par­la­ment die Flugtick­etab­gabe geschaf­fen hat. Sie funk­tion­iert nach dem Verur­sacher­prinzip und ist sozialverträglich. Wer oft und weit fliegt, zahlt mehr. Wer nicht mehr als ein­mal pro Jahr inner­halb von Europa fliegt, prof­i­tiert. Das gilt ins­beson­dere für Fam­i­lien. Zudem speisen wir mit der Abgabe einen Kli­ma­fonds. Mit Geld aus diesem Fonds investieren wir in eine kli­mafre­undliche Zukunft

Welche Pro­jek­te kön­nten von diesem Kli­ma­fonds profitieren?

Wir unter­stützen zum Beispiel Ladesta­tio­nen für Elek­troau­tos oder die Pla­nung und Finanzierung von Fer­n­wärmenet­zen. Auch der inter­na­tionale Per­so­n­en­verkehr wird Geld aus dem Fonds erhal­ten. Davon prof­i­tieren die Nachtzüge, die ja immer beliebter wer­den. Das ist gut fürs Kli­ma. Inter­na­tionale Zugverbindun­gen haben als Alter­na­tive zu Flu­greisen in Europa das grösste Potenzial.

Die Juni-Abstim­mung ist entschei­dend für die Kli­mazukun­ft des Lan­des, kon­nte man lesen. Was aber, wenn das Gesetz durch­fall­en sollte?

Dann gilt weit­er­hin das bish­erige CO2Gesetz, das aber nicht genügt, damit wir unsere Kli­maziele erre­ichen. Es gäbe keinen Kli­ma­fonds und somit kein Geld für Investi­tio­nen in ein­heimis­che Arbeit­splätze mit Zukun­ft. Stattdessen würde weit­er­hin viel Geld für Öl und Gas ins Aus­land fliessen. Allein in den let­zten zehn Jahren waren dies 80 Mil­liar­den Franken. Kurz: Ein Nein wäre unver­ant­wortlich gegenüber der Umwelt und der Bevölkerung und eine ver­passte Chance für unsere Wirtschaft und Forschung.

Kür­zlich haben Sie die Grund­la­gen hin­sichtlich Mobil­i­ty Pric­ing vorgestellt, welche nun auch Pilotver­suche ermöglicht. Sehen Sie eine solche Abgabe – die ja dur­chaus eine Steuerungswirkung haben kann – eher als zusät­zlich unter­stützende Mass­nahme oder gar als möglichen Plan B zum CO2-Gesetz?

Der Verkehr wird kli­mafre­undlich­er, wenn die Fahrzeuge weniger Ben­zin und Diesel ver­brauchen oder mit Strom unter­wegs sind. Diese Entwick­lung unter­stützen wir mit dem CO2-Gesetz. Mobil­i­ty Pric­ing ist keine Alter­na­tive zum CO2-Gesetz, son­dern allen­falls ein Ansatz zum Entschär­fen der Verkehrsprob­leme in den Städten und Agglom­er­a­tio­nen. Seit Jahren disku­tiert man über Mobil­i­ty Pric­ing – ohne greif­bare Resul­tate. Deshalb habe ich im Feb­ru­ar ein Gesetz in den Bun­desrat gebracht, das es den Kan­to­nen, Städten und Gemein­den ermöglicht, Pilot­pro­jek­te in Sachen Mobil­i­ty Pric­ing durchzuführen. Danach werten wir aus, welche Ansätze sich für die Prax­is eignen.

Andreas Käser­mann

Die Wegwerfgesellschaft

Die Wegwerfgesellschaft

Die Wegwerfgesellschaft

© wilhei/pixelio.de

Von wegen «aus den Augen, aus dem Sinn»: Herr und Frau Durch­schnitts-Schweiz­er pro­duzieren Unmen­gen an Müll. Etwa 6 Mil­lio­nen Ton­nen Kehricht fall­en Jahr für Jahr allein in Schweiz­er Haushal­tun­gen an. Das sind fast 11,5 Ton­nen pro Minute. Zeit, umzudenken.

aus casanos­tra 156

© Casafair Schweiz

Zwei sta­tis­tis­che Kur­ven ver­gle­ichen wir, die anscheinend nicht viel miteinan­der zu tun haben. Die Entwick­lung des Brut­toin­land­spro­duk­ts BIP und die Zunahme der Sied­lungsabfälle – bei­de seit 1990. Inter­es­sant: die Kur­ven ver­laufen prak­tisch gle­ich. Und bei­de Werte haben sich in diesen dreis­sig Jahren etwa veran­derthalb­facht. Als 2009 das BIP der Finanzkrise wegen einen Dämpfer ein­fuhr, ist auch die Menge der Sied­lungsabfälle kurzzeit­ig um densel­ben Fak­tor zurückgegangen.

Je bess­er es uns also geht, umso mehr wer­fen wir weg. Mit jährlich 716 kg Abfall pro Per­son gere­icht es der Schweiz zu einem der höch­sten Sied­lungsab­fal­laufkom­men weltweit. Rund 53 Prozent davon wer­den immer­hin rezyk­liert – etwa dop­pelt so viel wie noch Ende der 1980er-Jahre.

Diese Steigerung sei unter anderem auf die Ein­führung der Sack­ge­bühr in den 1990er-Jahren zurück­zuführen, schreibt das Bun­de­samt für Umwelt Bafu. «Damit wurde ein finanzieller Anreiz für das Sep­a­rat­sam­meln geschaf­fen, und gle­ichzeit­ig wur­den mehr gut erre­ich­bare Sam­mel­stellen ein­gerichtet. » Das Bafu wertet dies als Erfolg, mah­nt jedoch: «Die erfreuliche Entwick­lung beim Recy­cling sollte nicht darüber hin­wegtäuschen, dass die energie- und ressourcenscho­nend­ste Lösung nach wie vor die Abfal­lver­mei­dung ist.»

Von kon­se­quenter Abfal­lver­mei­dung sind aber Herr und Frau Schweiz­er noch mehr als einen Tages­marsch ent­fer­nt. Denn: wenn 53 Prozent des Abfalls rezyk­liert wer­den, lan­den 47 Prozent in der Kehrichtver­bren­nung. Pro Kopf macht dies dann knapp 1 kg Abfall täglich, der unter dem Spül­beck­en zwis­chen­ge­lagert und ein- oder zweimal wöchentlich im ein­schlägi­gen Sack am Strassen­rand deponiert wird, um in der «ther­mis­chen Ver­w­er­tung» – so der Fach­jar­gon – wenig­stens noch Fer­n­wärme und Strom herzugeben.

© Peter von Bechen/pixelio.de

Zero Waste – Null Abfall als Ziel

Dieser Zus­tand ist freilich für viele nicht das Ende der Wahrheit. Eine wach­sende Zahl an «Zero-Wastern» ver­sucht, den selb­st verur­sacht­en Müll auf ein Min­i­mum zu reduzieren. Eine von ihnen ist Mar­ti­na Fis­chli: «In unserem Zwei-Per­so­n­en-Haushalt pro­duzieren wir aktuell etwa einen 17-Liter-Sack in zwei Monat­en. Vor rund vier Jahren waren es fast 35 Liter pro Woche.» Sie sei als lei­den­schaftliche Köchin auf den Geschmack gekom­men. Die Unmen­gen an Kun­st­stof­fver­pack­un­gen im Lebens­mit­tel­re­gal hät­ten sie zuse­hends gestört. «Das kon­nte so nicht weit­erge­hen. Da beschloss ich, in einem ersten Schritt möglichst keine Lebens­mit­tel mehr einzukaufen, die ver­packt sind.»

Die Philoso­phie der «Zero Waste»-Bewegung endet aber nicht am Mülleimer. Eben­so wichtig ist auch ein rück­sichtsvoller Umgang mit Ressourcen wie Wass­er, Strom oder Arbeit­szeit. Und die Zero-Waste-Bewe­gung will sen­si­bil­isieren. Denn Hand aufs Herz: Wer kann denn schon behaupten, in Sachen Abfallmin­imierung ein völ­lig reines Gewis­sen zu haben? Sich nicht hie und da selb­st bei einem Anflug von Ver­schwen­dung oder wenig­stens Unacht­samkeit ertappt zu haben?

Dabei sei ein Umstieg keineswegs eine Ein­schränkung, sagt Mar­ti­na Fis­chli. «Ich habe immer ein paar Stoff­säcke dabei, die sind leicht und brauchen wenig Platz. Damit kann ein Grossteil der Lebens­mit­tel wie zum Beispiel Früchte und Gemüse oder auch Getrei­de und Gebäcke eingekauft wer­den. Zudem kaufe ich sehr gerne in Hoflä­den und auf dem Markt ein, da gibt es eine riesige Auswahl an Pro­duk­ten ohne Verpackung.»

Darüber hin­aus gibt die Web­site von Zero Waste Switzer­land auch Super­markt-Kundin­nen und ‑Kun­den Ratschläge für den abfal­lar­men Einkauf. Da liegt neben Gemüse und Frücht­en auch Fleisch, Fisch und Käse im Offen­verkauf – dies hat meist auch den Vorteil, dass die Menge bess­er zu den geplanten Menues passt. Ver­packt wird in mit­ge­brachte Schalen. Auch Schoko­lade liegt dur­chaus drin – dann aber gerne Bruch­schoko­lade direkt vom Pro­duzen­ten oder jene, die in Kar­ton ver­packt ist. Und schliesslich: Wer sich über das ver­pack­te Bio­gemüse bei den Grossverteil­ern ärg­ert, find­et im Bio- oder Hofladen und am Mark­t­stand eine Alter­na­tive. «Es ist wie bei einem Hob­by, je öfter man es macht, desto ‹bess­er› wird man», sagt Zero-Wasterin Mar­ti­na Fis­chli. Es gebe aber dur­chaus Gren­zen: «Beim Sport komme ich teil­weise nicht darum herum, hin und wieder Kon­tak­tlin­sen zu verwenden.»

© Dr. Klaus-Uwe Gerhardt/pixelio.de

Wirtschaft umbauen – um Müll einzusparen

Noch ist die Bewe­gung hierzu­lande klein. Der Vere­in Zero Waste Switzer­land wurde vor fünf Jahren gegrün­det und zählt mit­tler­weile rund 1000 Mit­glieder, welche der Philoso­phie im All­t­ag nach­leben und daran erin­nern, dass der Abfall­berg auch mit anderen Mit­teln bekämpft wer­den muss. Im Ide­al­fall bere­its an der Quelle – denn der beste Abfall ist der, welch­er gar nie entsteht.

Dafür braucht es auch ein Umdenken in der güter­pro­duzieren­den Wirtschaft. Deren primär­er Fokus auf Pro­duk­tiv­itätssteigerung und damit ver­bun­den­em erhöhtem Mate­ri­alver­brauch ist nicht das Konzept ein­er enkeltauglichen Zukun­ft, meint Esther Hid­ber, Pro­jek­tlei­t­erin Abfall und Ressourcen bei der Umwelt­s­tiftung Pusch: «Angesichts des gigan­tis­chen Ressourcenver­schleiss­es, der sich zus­pitzen­den Ressourcenknap­pheit und der Umweltzer­störung wird den Men­schen zunehmend klar, dass es so nicht weit­erge­hen kann. Die Alter­na­tive ist die kreis­lauf­fähige Wirtschaft.» Dieses Wirtschaftsmod­ell zielt darauf, ein Gut oder dessen Kom­po­nen­ten so lang wie möglich im Kreis­lauf zu hal­ten. Das fange schon beim Pro­duk­t­edesign an, wo man sich damit auseinan­der­set­zt, wie ein Pro­dukt, das aus­ge­di­ent hat, weit­er­ver­wen­det wer­den kann. Es soll etwa bess­er reparier­bar, Kom­po­nen­ten sollen bess­er aus­tauschbar oder fürs Recy­cling zer­leg­bar sein. Nach der Auf­bere­itung entste­ht im Kreis­lauf­mod­ell im Ide­al­fall der Grund­stoff für ein neues Exem­plar des­sel­ben Pro­duk­ts. «Wir ver­suchen derzeit, mit Part­nern in Pilot­pro­jek­ten aufzuzeigen, wie Matratzen oder Büromö­bel kreis­lauf­fähig pro­duziert wer­den kön­nten. Da wäre es sin­nvoll, man kön­nte sie nach Gebrauch in ihre Bestandteile zer­legen, diese nöti­gen­falls erneuern, reini­gen und wieder zurück in den Kreis­lauf führen, sprich daraus möglichst neue Matratzen oder Büro­mo­bil­iar herstellen.»

Obwohl zahlre­iche Ini­tia­tiv­en ein Umdenken erre­ichen wollen, harzt es mitunter beim Willen, stellt Esther Hid­ber fest. In der Ver­ant­wor­tung ste­he ins­beson­dere auch die Poli­tik: «Es braucht Mut und Weit­blick, eine ver­meintlich gut funk­tion­ierende Wirtschaft zu trans­formieren. Doch Weit­sicht ist nicht jed­er­manns Sache. Dabei liegen die Chan­cen der Zukun­ft in der effizien­ten Nutzung unser­er Ressourcen, denn die wer­den immer knapper.»

© Alexan­der Hauk/pixelio.de

Noch ist die Wergwerfgesellschaft nicht überwunden

Der Weg ist ein steiniger. Noch pro­duzieren wir Jahr für Jahr mehr Abfall. Und die unmit­tel­bare Auf­gabe ist, diesen wenig­stens fachgerecht zu sam­meln und soweit als möglich zu ver­w­erten. An diesem Punkt kom­men die Entsorgungsstellen der öffentlichen Hand ins Spiel. Und auch hier wer­den neue Konzepte gesucht und getestet. Vor knapp zwei Jahren hat die Stadt Bern einen All­t­ag­stest in rund 1300 Haushal­tun­gen lanciert. In Mietliegen­schaften eben­so wie in Eigen­tumssied­lun­gen. Casanos­tra hat sein­erzeit über den Test­start berichtet.

Sei­ther tren­nen die Test­per­so­n­en PET, Glas, Kun­st­stoff sowie Blech und Alu­mini­um in ver­schieden­far­bigen Plas­tik­säck­en direkt im Haushalt. Rüstabfälle und Speis­er­este lan­den im Grün­con­tain­er, der verbleibende Rest­müll im Kehricht­sack. Die bere­its getren­nten Wert­stoffe wer­den zusam­men mit losem Papi­er und Kar­ton in einem Recy­cling-Con­tain­er vor dem Haus deponiert und dort von der Abfuhr abge­holt. Die Kehricht­säcke wer­den in einem zweit­en Con­tain­er bereitgestellt.

Das Echo auf den Test­lauf sei mehrheitlich pos­i­tiv aus­ge­fall­en, sagt Chris­t­ian Jor­di, Leit­er Entsorgung + Recy­cling Bern: «Bei Umfra­gen stuften 88 Prozent der Befragten das Trennsys­tem als prak­tisch ein, 85 Prozent wür­den eine defin­i­tive Ein­führung nach dem Pro­belauf begrüssen.» Einzelne Test­per­so­n­en hät­ten eine Reduk­tion des zu ver­bren­nen­den Kehrichts um etwa die Hälfte erzielt. Auch die in Bern wieder einge­führte Kun­st­stoff­samm­lung im eige­nen Haushalt habe sich bewährt. Die Recy­clingquote sei im Test auch bei den anderen Wert­stof­fen gestiegen. Eben­falls pos­i­tiv: Das Abfuhrper­son­al hievt nicht mehr täglich mehrere Ton­nen einzelne Abfall­säcke in den Kehricht­wa­gen, son­dern leert die gefüll­ten Con­tain­er maschinell. Das ist mit Blick auf die Gesund­heit eine enorme Ent­las­tung. Auch die Ver­w­ert­er sind zufrieden: Die Ziele der Wert­stofftren­nung würde bisweilen gar übertroffen.

Eine wichtige Erken­nt­nis des Pilotver­suchs sei ausser­dem, dass die tech­nis­che Mach­barkeit nachgewiesen wer­den kon­nte. Auch hin­sichtlich Öko­bi­lanz ist der Pilot pos­i­tiv ver­laufen, sagt Chris­t­ian Jor­di: «Das Sys­tem ist bei genü­gen­der Teil­nehmerzahl ökol­o­gis­ch­er als das bisherige.»

© Florentine/pixelio.de

Den­noch stand der Bern­er Abfal­lver­such auch in der Kri­tik. Es sei sinn­los, Abfall für die Entsorgung noch extra in Plas­tik­säcke zu ver­pack­en, wurde moniert. Chris­t­ian Jor­di rel­a­tiviert: Die Säcke seien nötig, um die Wert­stoffe im Sam­mel­con­tain­er zu tren­nen. «Unsere Farb- und Kehricht­säcke weisen einen hohen Anteil an wiederver­w­ertetem Kun­st­stoff auf. Entsprechend wird wenig Neukun­st­stoff einge­set­zt und benutzte Säcke wer­den grössten­teils dem Recy­cling zuge­führt.» Auch Bedenken, dass die Stro­mund Fer­n­wärmegewin­nung ob zu wenig brennbarem Kehricht lei­den kön­nte, kann Jor­di entkräften – selb­st wenn das Sys­tem dere­inst flächen­deck­end einge­führt wer­den sollte: «Die Menge und der Bren­nwert wer­den mit zunehmender Anzahl Beteiligter am Trennsys­tem natür­lich sinken. Die Energiezen­trale Forsthaus Bern erlangt dadurch aber gle­ichzeit­ig mehr Ver­bren­nungska­paz­ität, welche sie durch zusät­zlichen Gewerbe- und Indus­triekehricht kom­pen­sieren kann.»

Die Stadt­bern­er Regierung hat Entsorgung + Recy­cling Bern kür­zlich grünes Licht für eine Weit­er­führung des schweizweit noch einzi­gar­ti­gen Trennsys­tems gegeben. Nun fol­gt die öffentliche Vernehm­las­sung zum Konzept. Der Leit­er der Bern­er Entsorgungs­be­triebe rech­net mit ein­er gross­flächi­gen Ein­führung bis unge­fähr 2026.

 

Die Rezepte zur Bewäl­ti­gung des Abfall­bergs gehen das Prob­lem von unter­schiedlichen Seit­en an: Den akut vorhan­de­nen Müll wis­sen wir kor­rekt zu beseit­i­gen – wir kön­nen die Brennen­ergie gar als Strom und Wärme nutzen. Gle­ich­wohl wird ein Umdenken nötig sein. Denn die Spitze der Abfall­pro­duk­tion – der soge­nan­nte «Peak Waste» – wird in den OECD-Län­dern im Jahr 2050, glob­al sog­ar erst im kom­menden Jahrhun­dert erwartet.

Der Müll­berg ist gle­ich­sam ein Spiegel unseres Wohl­stands. Rund 60 Ton­nen Sied­lungsab­fall pro­duzieren wir in einem Men­schen­leben. Würde die gesamte Welt im sel­ben Aus­mass wie die Schweiz kon­sum­ieren, wären fast drei Plan­eten erforder­lich. Der «Earth Over­shoot Day» ist der Tag, an dem die Ressourcennach­frage eines Lan­des die ihm zugemessene Erd­ka­paz­ität über­steigt. Die Schweiz hat­te ihre Jahres­res­sourcen bis zum 8. Mai bezo­gen. Für den Rest des Jahres leben wir auf Pump. Das sollte uns wohl zu denken geben.

Andreas Käser­mann

Ist die Gemeinschaftswaschküche ein Auslaufmodell?

Ist die Gemeinschaftswaschküche ein Auslaufmodell?

Ist die Gemeinschaftswaschküche ein Auslaufmodell?

© hauku/pixelio.de

Einst war sie der absolute Nor­mal­fall: die Gemein­schaftswaschküche, welche in einem Mehrparteien­haus von allen genutzt wurde. In der 24-Stun­den-Gesellschaft passt sie jedoch mitunter nicht mehr so recht zu den steigen­den Kom­for­t­ansprüchen und ver­schwindet mehr und mehr. Dabei hat die gemein­schaftlich genutzte Waschküche viele Vorteile.

aus casanos­tra 156

© Casafair Schweiz

Die gemein­same Waschküchen­nutzung ist eine delikate Angele­gen­heit. Gele­gentlich «ver­gisst» der Stu­dent von der Dachwoh­nung seine Wäsche und lässt diese so lange hän­gen, bis sie mehr Staub als Frische aufweist; mal beschw­ert sich die alle­in­ste­hende Frau Bieri aus dem drit­ten Stock über die vierköp­fige Fam­i­lie im Parterre, welche viel zu häu­fig wasche, und ab und an beklagt sich Hauswart Moser via handgeschriebenes Plakat über die «Sauerei», welche zurück­ge­lassen werde. Die Gemein­schaftswaschküche im Keller ist nicht sel­ten der Grund für Feuer unterm Dach. Die Lösung ist der Waschturm oder der «eigene Waschraum mit Waschmas­chine und Tum­bler», der immer häu­figer in Immo­bilien­auss­chrei­bun­gen anzutr­e­f­fen ist.

© Genossen­schaft Kalk­bre­ite, Volk­er Schopp

Gemeinsam nutzen funktioniert

Ander­swo geht die geteilte Nutzung von Infra­struk­turen und Räu­men noch weit über die Waschküche hin­aus. Ein Beispiel wird in der Zürcher Genossen­schaft Kalk­bre­ite gelebt.

Gemein­sam genutzt wird etwa ein Gefrier­raum, wo alle Bewohner­In­nen über ein per­sön­lich­es Tiefkühlfach ver­fü­gen, sagt die Kom­mu­nika­tionsver­ant­wortliche Aline Diggel­mann: «Sie haben zudem die Möglichkeit, Büro­plätze in Gemein­schafts­büros zu mieten oder Gästez­im­mer in der haus­in­ter­nen Pen­sion zu buchen. Des Weit­eren ste­hen den Bewohner­In­nen eine Werk­statt, eine Sauna und ein Musikraum zur gemein­schaftlichen Nutzung zur Verfügung.»

Raum teilen und in der Gemein­schaft nutzen ist Pro­gramm in der Kalk­bre­ite. Aline Diggel­mann sieht dabei zwei Hauptvorteile: «Zum einen fördern gemein­schaftlich genutzte Infra­struk­turen und Räume die Gemein­schaft und den sozialen Kon­takt. Zum anderen bedeutet Teilen auch Nach­haltigkeit und Suffizienz.»

Eine Entwick­lung, welche auch die Immo­bilien­fach­leute im Casafair-Beratungsnet­zw­erk beobacht­en. «Die Nach­frage ist da und ger­ade bei Ver­mi­etun­gen im gehobe­nen Preis­seg­ment ist der eigene Waschturm ein Ver­mark­tungsar­gu­ment», weiss Bar­bara Müh­lestein, Immo­bilienex­per­tin im Casafair-Dien­stleis­tungszen­trum Bern. Dies bestätigt Casafair-Zen­tralvor­standsmit­glied Michel Wyss: «Mein­er Mei­n­ung nach wird meist nach Ziel­grup­pen unter­schieden: je gün­stiger der Wohn­raum, umso eher wird eine Gemein­schaftswaschküche vorhan­den sein – steigt der Preis, wird ein Waschturm gefordert.» Weit­er ist auch der ver­füg­bar Raum mass­gebend, sagt Immo­bilien­fach­frau Karin Weis­senberg­er, Co-Präsi­dentin Casafair Zürich: «Ger­ade in kleineren Woh­nun­gen ist oft die Platzfrage entschei­dend. Und deshalb wird die all­ge­meine Waschküche nach wie vor häu­fig genutzt.»

Des Wäscheturms Vorteile …

Der indi­vidu­elle Waschturm in der eige­nen Woh­nung ist aber nicht ein­fach zu ver­teufeln. Thomas Hard­eg­ger sieht neben den Mark­tar­gu­menten weit­ere Vorzüge: «Der Vorteil von Waschtür­men in der Woh­nung sind klare Ver­ant­wortlichkeit­en bei Störun­gen und Repara­turen. Bei ein­er Plan-Lebens­dauer von 10 bis 15 Jahren kann auch eine anteilsmäs­sige Beteili­gung bei vorzeit­igem Ersatz einge­fordert wer­den.» Beim Waschraum, der von allen genutzt werde, sei der Verur­sach­er eines Schadens oft nicht festzustellen. «Zudem fällt auch der Stre­it um die Waschküche bei per­sön­lichen Waschgele­gen­heit­en weg», sagt Hard­eg­ger. Für Ver­mi­etende bedeutet dies weniger Umtriebe.

Als weit­eren Plus­punkt der Waschtürme nen­nt Bar­bara Müh­lestein die ein­fachere Ver­brauchsabrech­nung: «Teure Zahlsys­teme oder indi­vidu­elle Abrech­nun­gen ent­fall­en, weil die Maschi­nen direkt am per­sön­lichen Strom- und Wasser­an­schluss laufen.»

… und dessen Makel

So ver­lock­end also der per­sön­liche Waschturm in der Woh­nung oder in einem Neben­raum sein mag; so gut wie er zu den Kom­for­t­ansprüchen der indi­vid­u­al­isierten 24-Stun­den-Gesellschaft passt – min­destens eben­so so schw­er wiegen dessen Nachteile: Die pri­vat­en Maschi­nen ste­hen viel häu­figer leer als gemein­schaftlich genutzte. Sie benöti­gen allen­falls zusät­zliche Instal­la­tio­nen und nehmen ins­ge­samt mehr Raum ein, gibt Thomas Hard­eg­ger zu bedenken: «Bezieht man den Platz, welch­er von Waschtür­men zugestellt wird, mit ein und eben­so die graue Energie, welche bei mehr Geräten von deren Pro­duk­tion bis zur Entsorgung anfällt, dann ist die Waschküche wesentlich ökologischer.»

Aber auch die Bal­ance der Raum­feuchtigkeit ist in ein­er grösseren Waschküche viel ein­fach­er zu hal­ten als in den teil­weise engen Ver­hält­nis­sen in der Woh­nung. «Das wird oft unter­schätzt und kann Schim­mel verur­sachen», sagt Bar­bara Mühlestein.

© Luise Pfefferkorn/pixelio.de

Gemeinschaftswaschküchen richtig ausrüsten

Da und dort wer­den Gemein­schaftswaschküchen allerd­ings auch mit überdi­men­sion­ierten Geräten aus­ges­tat­tet. Die Menge je Waschgang ist gegenüber früher gesunken und ins­beson­dere Maschi­nen mit gross­er Fül­lka­paz­ität über 7 kg wer­den oft nicht mehr voll beladen. Die Teil­be­ladungserken­nung hil­ft zwar Strom und Wass­er sparen; die Prax­is zeigt aber: Eine halbe Beladung spart deut­lich weniger als 50 Prozent.

Auch soll­ten Gemein­schaftswaschküchen zweck­mäs­sig ein­gerichtet und ein­ladend gestal­tet sein. Genü­gend Platz bietet die Möglichkeit, Wäsche aufzuhän­gen. Das entspricht trotz Trend zum Trock­n­er noch immer einem Bedürf­nis, das sich erst noch energie- und kostens­parend auswirkt – allen­falls lässt sich die Trock­nungszeit mit einem sparsamen Raum­luft-Wäschetrock­n­er verkürzen. Damit kann auch dem Wäschetrock­nen in der Woh­nung und möglichen Feucht­eschä­den vorge­beugt werden.

Nicht schaden kann eine kurze Instruk­tion aller Parteien – die kor­rek­te Hand­habe kann die Lebens­dauer der Geräte ver­längern. Ein Waschkalen­der kann in grösseren Liegen­schaften hil­fre­ich sein; Karin Weis­senberg­er ist jedoch zurück­hal­tend: «Man muss MieterIn­nen keine star­ren Regeln vorgeben. Das ist Bevor­mundung.» In den von ihr ver­wal­teten Liegen­schaften set­zt sie auf freie Waschzeit­en. Mieterin­nen und Mieter wüssten sich meis­tens sehr gut zu arrang­ieren. «Wenn man dann noch mit­gibt: ich mache keine Regeln, ihr kön­nt das selb­st, dann funk­tion­iert das meist recht gut.»

Andreas Käser­mann

Auf Gedeih und Genuss

Auf Gedeih und Genuss

Auf Gedeih und Genuss

Gemüse© nature.picture/pixelio.de

Der Früh­ling ist endgültig ins Land gezo­gen und die Gärten erwachen. Nach der Brachzeit zieht es jet­zt auch Hob­bygärt­ner­in­nen und ‑gärt­ner wieder nach draussen. Was soll denn heuer gedei­hen? Casanos­tra schlägt vor, sich auf alte, sel­tener gewor­dene Sorten einzu­lassen. Ein Plä­doy­er für mehr Heimatschutz im eige­nen Garten.

aus casanos­tra 155

© Casafair Schweiz

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Urs Bernasconi, Mit­glied Zen­tralvor­stand Casafair Schweiz
«In unserem Fam­i­lien­garten gibt es über 300 Pflanzen und Kräuter. Mehrheitlich sind es alte Sorten ohne Kreuzung mit Nachzüch­tun­gen. Wir ver­wen­den keine Kun­st­dünger und keine Spritzmit­tel. Der Garten ist zer­ti­fiziert von der Stiftung ‹Natur & Wirtschaft›. Mein per­sön­lich­es Liebling­spro­jekt: Die Ver­mehrung sel­tener Pflanzen wie zum Beispiel Pul­satil­la vul­garis (Küchen­schelle), Fil­ipen­du­la Hexa­peta­la (Kleines Mädesüss). Diese blühen schon bald wunderschön.»

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Pavel Beco, Baum­schule Albis­bo­den­hof, Dick­en SG
«Grund­sät­zlich finde ich Vielfalt wichtig – ins­beson­dere in einem Garten. Aus mein­er Sicht ist das Wildob­st die wertvoll­ste Gruppe für Haus­gärten. Das sind Dutzende ein­heimis­che oder einge­führte Gehölze, Büsche oder kleine Bäume, mit ess­baren Frücht­en. Also etwa Hol­un­der, Kor­nelkirsche, Felsen­birne, Schwarz­dorn, Wildpflau­men und viele weit­ere. Sehr viele dieser Sorten haben einen hohen Zier­w­ert – mit schö­nen Blüten und bunter Herb­st­fär­bung – und sind trotz­dem sowohl für die Bio diver­sität wie für die Ernte und Nutzung wertvoll. Die meis­ten sind überdies robuster als Kul­tur­ob­st und pflegeleicht.»

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David Her­rmann, Medi­en­sprech­er Bio Suisse
«Alt ist nicht automa­tisch bess­er. Trotz­dem ist die Wahl der Sorte zen­tral für eine stan­dor­tangepasste biol­o­gis­che Pro­duk­tion. Mit dem Ein­satz alter Sorten bewahren und schützen Knospe-Pro­duzen­ten die genetis­che und kul­turhis­torische Vielfalt. Viele dieser Sorten sind sehr robust und kön­nen zum Beispiel gut mit gross­er Hitze umge­hen. Auch wenn sie oft weniger ertra­gre­ich oder ein­heitlich in der Form sind, bilden sie auf­grund ihrer pos­i­tiv­en Eigen­schaften einen wichti­gen Gen­pool für die Züch­tung. Viele Direk­tver­mark­ter und Pri­vat­gärt­ner set­zen auf Sorten­vielfalt und sor­gen mit alten Kul­turpflanzen wie regionalen Tomaten­sorten, speziellen Kür­bis­sen oder vielfälti­gen Salat­en für ein attrak­tives Angebot.»

Blickt man auf die Gemüseaus­lage der Grossverteil­er, läuft einem ja das Wass­er im Munde förm­lich zusam­men. Die Vielfalt ist schi­er uner­messlich – alles ist im Über­fluss vorhan­den. Akku­rat aufgerei­ht und ein­ladend zum Kaufe dar­ge­tan. Doch eigentlich ist da von Vielfalt keine Spur: «Seit Beginn des 20. Jahrhun­derts sind drei Vier­tel der Sorten ver­schwun­den. Die Vielfalt war also einst viel gröss­er», sagt Nicole Egloff, Sprecherin der Stiftung ProSpecieR­ara. Die Auswahl in den Läden gauk­le ein falsches Bild vor: «Vieles ist das ganze Jahr und weltweit ver­füg­bar. Sähen wir in der Gemüseaus­lage nur, was Sai­son hat und was vor Ort wächst, die Vielfalt wäre beängsti­gend klein.»

Seit nun­mehr knapp vierzig Jahren set­zt Pro- Specie Rara darum einen Gegen­trend und fördert gezielt alte und rare Sorten, die mitunter längst vergessen waren. Mit­tler­weile führen über 3000 Sorten das Güte­siegel. Die Stiftung fördert und schützt nicht nur Pflanzen­sorten und Tier­rassen; sie sam­melt auch Know-how, welch­es kom­menden Gen­er­a­tio­nen erhal­ten bleiben soll.

Seit Beginn des 20. Jahrhun­derts sind drei Vier­tel der Sorten verschwunden.

Dass die alten Sorten über­haupt ver­drängt wur­den, grün­det in der Grosspro­duk­tion. «Der mehr und mehr maschi­nen­be­triebene land­wirtschaftliche Anbau bed­ingte, dass die Früchte zeit­gle­ich und homogen reiften und entsprechend gle­ichzeit­ig geern­tet wer­den kon­nten.» Zudem waren in der Weit­er­ver­ar­beitung und im Verkauf mehr und mehr gle­ich­mäs­sige und gle­ich­för­mige Pro­duk­te gefragt. «Bei­de Ansprüche sind mit den neuen Züch­tun­gen deut­lich ein­fach­er zu erfüllen als mit den alten Sorten.»

Wie gemacht für den eigenen Garten

Darum sieht Nicole Egloff die eigentlichen Stärken der alten Sorten ganz beson­ders im heimis­chen Garten: Eine Vollernte am Tag X ist eher hin­der­lich als gewün­scht. «Die Früchte reifen nacheinan­der und man hat über län­gere Zeit immer wieder Nach­schub aus eigen­er Produktion.»

Ganz im Gegen­satz zur pro­duzieren­den Land­wirtschaft, die auf robus­tere Sorten angewiesen ist, welche auch die immer grösseren Vol­u­men und länger wer­den­den Trans­portwege gut über­ste­hen. «Von Natur aus sind die alten Gemüs­esorten und Früchte oft zarter als die heute bekan­nten. Den Weg in den Laden über­standen Sie nicht so, wie es sich die Grossverteil­er und ihre KundIn­nen wünschen.»

Darum wurde gezüchtet, was das Zeug hielt. Die Ansprüche der Land­wirtschaft, der Verkaufs­ket­ten, aber auch der Kon­sum­ieren­den legten die Lat­te hoch. Hinzu kom­men die Inter­essen der Agrarindus­trie: Denn mit neuen Züch­tun­gen lässt sich gutes Geld ver­di­enen, wer­den doch die passenden Dünge- und Spritzmit­tel gle­ich mit verkauft. Und das immer wieder: Aus den heuti­gen soge­nan­nten Hybridzüch­tun­gen lässt sich kein Samen gewin­nen, der im Fol­ge­jahr die gle­ichen Früchte ergeben würde. Also kauft man im näch­sten Früh­jahr neues, mitunter teures Saatgut – und speist die Kassen der Agrochemie.

Fürsprecherin der alten Sorten

Die Stiftung ProSpecieR­ara wurde 1982 gegrün­det, um gefährdete Kul­turpflanzen und Nutztiere vor dem Ausster­ben zu schützen. Heute engagiert sich die Organ­i­sa­tion für die Erhal­tung und Nutzung von 1400 Garten- und Ack­erpflanzen, 500 Beeren­sorten, 1900 Obst­sorten, 800 Zierpflanzen­sorten und 32 Nutztierrassen.

ProSpecieR­ara arbeit­et mit zahlre­ichen Pri­vat­per­so­n­en zusam­men, welche die Sorten in ihren Gärten im Ehre­namt ver­mehren oder sel­tene Rassen hal­ten und zücht­en. Die alten Sorten und Rassen sollen aber nicht nur erhal­ten und bewahrt wer­den, son­dern vielmehr für alle zugänglich sein und genutzt werden.

Das Engage­ment von ProSpecieR­ara wird unter­stützt von über 12 000 Gön­ner­In­nen und SpenderIn­nen, von weit­eren Stiftun­gen, durch das Bun­de­samt für Land­wirtschaft sowie durch zahlre­iche Part­ner aus Han­del und Wirtschaft.

Mehr Infos: www.prospecierara.ch

«Open Source» im Gemüsebeet

Auch da punk­ten freilich die alten Sorten. Diese sind gle­ich­sam All­ge­meingut und – gemäss ProSpecieR­ara – darum für alle «frei ver­mehrbar. Jed­er kann und darf Saat- oder Pflanzgut gewin­nen und im Jahr darauf wieder aussäen respek­tive auspflanzen.» So behiel­ten die Sorten ihre Eigen­schaften. Dies bed­ingt jedoch einiges an Fach­wis­sen: Fremd­be­fruchter – etwa Kür­bisse, Kohl oder Gurken – verkreuzen sehr leicht. «Für Gar­te­nan­fän­gerIn­nen empfehle ich eher, Set­zlinge zu kaufen, als diese sel­ber anzuziehen», räumt Nicole Egloff ein, «so kann man den kom­pliziertesten Schritt den Profis über­lassen und wird eher eine erfol­gre­iche Ernte ein­fahren können.»

Die Pflege der alten Sorten ste­ht hin­sichtlich Aufwand den mod­er­nen Sorten in nichts nach. Die Gemüse sind eben­so pflegele­icht und dur­chaus auch für Ama­teurIn­nen geeignet. «Die Kul­turen lassen sich auch gut mis­chen. Die alten Sorten ver­tra­gen die Nach­barschaft zu neuen dur­chaus», meint Nicole Egloff. Das bietet Raum für Exper­i­mente: Wem die völ­lige Umstel­lung auf alte Sorten nicht geheuer ist, der pflanzt eben zusät­zlich zur herkömm­lichen Palette noch ein paar aus dem ProSpecieRara-Katalog.

Jedoch verge­ht zwis­chen Aus­saat und Ernte doch eine beachtliche Zeit. Viele Garten­lieb­haberIn­nen wis­sen dann bei der Ernte gar nicht mehr genau, wie das Gewächs auf der Tüte sein­erzeit aus­ge­se­hen hat und ob die Früchte nun gepflückt wer­den soll­ten. Ger­ade bei Tomat­en kön­nen unübliche Far­ben ver­wirrend sein. Die Faus­tregel ist sim­pel: «Wenn die Tomate nicht mehr hart ist, son­dern sich weich anfühlt, ist Ern­tezeit.» Auf das blosse Auge ist dabei kein Ver­lass. «Viele alte Sorten reifen in anderen Far­ben, als wir dies gewohnt sind. Die Tomaten­sorte ‹grüne Zebra› wird niemals rot und reift – wie ihr Name es sagt – grün.»

Das schla­gende Argu­ment ist zweifels­frei der Geschmack.

Andere Sorten tra­gen blaue Früchte – etwa die Stan­gen­bohnen­sorte «Blauhilde». «Äusserst prak­tisch », find­et Nicole Egloff. «Die reifen Schoten ent­deckt man zwis­chen den grü­nen Blät­tern ganz ein­fach und über­sieht bei der Ernte nichts.» Die Bohne gilt als sehr ertragsre­ich und unkom­pliziert im Anbau. Wer bei der «Blauhilde» aber einen Far­bakzent auf dem Teller erwartet, wird ent­täuscht: Sie wird beim Kochen grün.

Alt liegt im Trend

Besucht man einen der ProSpecieR­ara-Set­zlingsmärk­te, sieht man sich in bester Gesellschaft. Die alten Sorten boomen, und immer mehr Gärt­ner­In­nen steigen um, sagen den gängi­gen Sorten immer häu­figer Adé. Die Gründe sind vielfältig: «Alte Sorten anzubauen, ist eben­so ein­fach wie neue. Der Wun­sch nach Abwech­slung spielt sich­er mit.» Oft sei es auch der Wun­sch, etwas anzubauen, was der Grossverteil­er nicht im Sor­ti­ment hat. «Das schla­gende Argu­ment ist aber zweifels­frei der Geschmack. Diese Inten­sität und Vielfalt find­et sich bei den Hybri­den nicht», schwärmt ProSpecieR­ara-Sprecherin Egloff: «Die Dutzende aro­ma­tis­chen alten Erd­beer­sorten haben nichts gemein mit den faden, massen­pro­duzierten Frücht­en, welche schon im Jan­u­ar in den Regalen liegen.»

Auch find­i­ge Gas­tronomIn­nen sind längst auf den Geschmack gekom­men und exper­i­men­tieren gerne mit über­raschen­den For­men, schrä­gen Far­ben und mit vielfälti­gen Geschmack­srich­tun­gen. Sie haben dur­chaus zur neuen Pop­u­lar­ität der alten Sorten beige­tra­gen. «Köchen sagen die bisweilen aus­ge­fal­l­enen Gemüse und Früchte zu, welche dem Essen neue Noten geben und auch dem Auge etwas bieten.» Kein Wun­der, greifen auch bekan­nte «Chefs» immer öfter mal in die Trick­kiste mit den weniger gängi­gen Sorten.

Wer sich also auf das Exper­i­ment mit raren und alten Sorten ein­lassen möchte, kann dies get­rost auf eigene Faust tun. Die Auswahl lässt kaum Wün­sche offen. Stellen sich Fra­gen, so hil­ft neben ein­schlägiger Lit­er­atur das Net­zw­erk der Stiftung ProSpecieR­ara weit­er. Deren Fach­leute organ­isieren überdies Ver­anstal­tun­gen, Set­zlingsmärk­te und Kurse in der ganzen Schweiz.

Andreas Käser­mann

5 Evergreens für den Garten

© Sven-Erik Falk/pixelio.de

Pasti­nake
Das Wurzel­gemüse wurde bere­its zur Römerzeit in Süd- und Mit­teleu­ropa ange­baut. Die Pasti­nake wurde zeitweilig von Karot­ten und Kartof­feln ver­drängt, liegt aber heute wieder im Trend. Schmeckt ähn­lich wie Sellerie.

© ProSpecieR­ara

Costa­ta Romanesco
Diese Zuc­chet­ti war einst eine beliebte Mark­t­sorte in Ital­ien. Reif ist sie erst, wenn sie unge­fähr 10 cm dick ist. Auch dann ist sie noch sehr zart und dank den verdick­ten Längsstreifen sehen die Zuc­chet­tis­cheiben wie Zah­n­räder aus. Gut geeignet auch als Grillplätzli.

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Blauer Schwede
Nein, kein trinkseliger Nordeu­ropäer; vielmehr eine alte Kartof­fel­sorte mit blauer Schale und blauem Fleisch. Gemäss neueren Unter­suchun­gen soll der Verzehr von blauen Kartof­feln blut­druck­senk­end wirken.

© ProSpecieR­ara

Bern­er Rose
Auch die Apfel­sorte «Bern­er Rose» hat das ProSpecieR­ara-Güte­siegel und stammt ursprünglich aus Oppli­gen BE. Der erste Mut­ter­baum trug 1888 Früchte. Bern­er Rosen sind auch beliebte Mostäpfel. Unter dem sel­ben Namen ist auch eine Fleis­chto­mate bekannt.

© Jarvna/iStock

Chiog­gia
Eine ital­ienis­che Ran­den­sorte, welche dem Auge eben­so viel bietet wie dem Gau­men. Die Sorte wurde bere­its vor Mitte des 19. Jahrhun­derts ange­baut. Die jun­gen, zarten Ran­den schmeck­en beson­ders gut roh oder leicht gekocht.

Diese und eine grosse Vielfalt an weit­eren Sorten wird an den Set­zlingsmärk­ten in der ganzen Schweiz verkauft. Saatgut ist in den Coop-Garten­abteilun­gen oder im Online-Han­del unter www.sativa-rheinau.ch erhältlich. ProSpecieR­ara-Gön­ner­In­nen haben überdies jährlich einige Por­tio­nen Saatgut kosten­los zugute

Mieten überprüfen – und wenn nötig: senken

Mieten überprüfen – und wenn nötig: senken

Mieten überprüfen – und wenn nötig: senken

Ordner© Rain­er Sturm/pixelio.de

Das Bun­de­samt für Woh­nungswe­sen hat Anfang März den hypothekarischen Ref­erenzzinssatz auf 1.25 % gesenkt. Casafair Schweiz ruft alle Ver­mi­eterin­nen und Ver­mi­eter auf, jet­zt die Mieten zu über­prüfen. Klar ist aber auch: Nicht in jedem Fall mün­det dies in ein­er Miet­zinssenkung. Casafair-Mietrecht­sex­per­tin Bar­bara Müh­lestein erk­lärt das Mecano.

aus casanos­tra 155

© Casafair Schweiz

Bar­bara Müh­lestein, weswe­gen ist der hypothekarische Ref­erenzzinssatz auf ein weit­eres Reko­rdtief gesunken?

In erster Lin­ie, weil die Hypothekarzin­sen weit­er sinken. Das Bun­de­samt für Woh­nungswe­sen lässt gemäss geset­zlichem Auf­trag vierteljährlich die Durch­schnittszin­sen der Hypothekarin­sti­tute ermit­teln und errech­net daraus einen Mit­tel­w­ert. Dieser wird nach kaufmän­nis­chen Regeln gerun­det, was let­ztlich den Ref­erenzzins ausmacht.

Allerd­ings sind die Dat­en jew­eils bere­its älteren Datums. Der Ref­erenzzins von anfangs März etwa basiert auf den Bank­dat­en vom 31. Dezem­ber let­zten Jahres.

Casafair emp­fiehlt, die Miet­zin­sen nach der neuer­lichen Senkung zu über­prüfen. Heisst das, dass nun alle Mieten sinken müssen?

Keineswegs. Eine Über­prü­fung ist ergeb­nisof­fen und kann dur­chaus ergeben, dass der bish­erige Miet­zins unverän­dert weit­er gilt. Wir sind jedoch klar der Ansicht, dass es im Rah­men eines fairen Mietver­hält­niss­es angezeigt ist, dass Ver­mi­eterin­nen und Ver­mi­eter den Miet­zins aus eigen­em Antrieb über­prüfen und im Bedarfs­fall anpassen.

Eine Über­prü­fung kann dur­chaus ergeben, dass der bish­erige Miet­zins unverän­dert weit­er gilt.

Ein geset­zlich­er Senkungsanspruch des Mieters beste­ht nicht, wenn der Ver­mi­eter keinen kos­ten­deck­enden Ertrag aus der Miet­sache erzielt oder bei Ver­tragsab­schluss ein entsprechen­der Vor­be­halt vere­in­bart wurde. Die Ertrags­berech­nung basiert auf der Net­toren­dite des Ver­mi­eters. Diese Ren­dite darf gemäss Bun­des­gericht max­i­mal ein halbes Prozent höher sein als der aktuelle Referenzzinssatz.

Mass­gebend für Miet­zin­sän­derun­gen ist der bei Beginn des Mietver­hält­niss­es, bzw. der bei der let­zten Anpas­sung des Miet­zins­es gültige Ref­erenzzinssatz. Dieser ist meis­tens im Mietver­trag ver­merkt. Anson­sten gel­ten die Kosten­stände bei Ver­trag­sun­terze­ich­nung. Die Art der Finanzierung des Mieto­b­jek­tes ist für die Miet­zins­berech­nung nicht mass­gebend, der Ver­mi­eter kann also wed­er die Höhe der eige­nen Zin­skosten noch das Ver­hält­nis zwis­chen Eigenkap­i­tal und Hypotheken gel­tend machen.

© Ruben Sprich

Und was geschieht, wenn die Miete nach der Prü­fung angepasst wer­den muss?

Ergibt sich ein Senkungsanspruch, haben Ver­mi­etende die Möglichkeit, diesen mit 40 Prozent der aufge­laufe­nen Teuerung, den all­ge­meinen Kosten­steigerun­gen und den Kosten für wertver­mehrende Investi­tio­nen oder Über­hol­un­gen, die seit der let­zten Miet­zin­san­pas­sung vorgenom­men wur­den, aufzurechnen.

Die Teuerung fällt dabei in den let­zten Jahren kaum ins Gewicht, die Kosten­steigerung und die Investi­tio­nen müssen jew­eils im Einzelfall abgek­lärt wer­den. Dabei hil­ft auch das Casafair-Beratung­steam.

Ein verän­dert­er Miet­zins gilt nicht unmit­tel­bar und schon gar nicht rück­wirk­end, son­dern tritt auf den näch­sten Kündi­gung­ster­min in Kraft – bei Woh­nun­gen meist also drei Monate nach Bekan­nt­gabe des neuen Mietzinses.

Was geschieht, wenn ein Ver­mi­eter den Miet­zins nicht aus eigen­em Antrieb überprüft?

Der Mieter oder die Mieterin kann den oder die Ver­mi­eter eben­falls bit­ten, den Miet­zins zu über­prüfen und gegebe­nen­falls anzu­passen. Das Gesetz definiert nicht klar, welche Partei aktiv wer­den muss. Die Möglichkeit dazu haben beide.

Ich rate in gegen­seit­igem Inter­esse zu einem sportlichen Umgang: wed­er ist ein Mieter, der um Zinssenkung nach­sucht, ein unver­schämter Prof­i­teur — noch ist ein Ver­mi­eter, der die selb­ständi­ge Über­prü­fung ver­säumt, ein böswilliger Logisgeber.

Wer­den sich die bei­den Parteien nicht einig, so kann die Schlich­tungs­be­hörde kosten­los angerufen wer­den. Da und dort machen wir aber die Erfahrung, dass diese mitunter mit ein­deuti­gen Fällen kün­stlich beschäftigt wird. Das ist sich­er nicht sin­nvoll und kostet Geld, welch­es aus der Steuerkasse bezahlt wer­den muss.

Ken­nen Sie Fallbeispiele?

Ja. Wir haben Ken­nt­nis von Immo­bilien­ver­wal­tun­gen, welche Senkungs­begehren ihrer Mietenden sys­tem­a­tisch ablehnen – auch dur­chaus berechtigte. Zinssenkun­gen geben sie erst dann weit­er, wenn Mietende die Schlich­tungsstelle anrufen. Das ist an der Gren­ze des Missbrauchs.

Ein Casafair-Mit­glied hat sich diese Tage an die Beratung gewen­det. Sie ver­mi­etet ihre Woh­nung zu einem Fre­und­schaft­spreis und fürchtet nun einen Senkungsanspruch. Ein sel­tener Härtefall?

Das kommt in der Tat ab und an vor. Ich empfehle stets, bere­its im Mietver­trag einen Miet­zinsvor­be­halt festzuhal­ten, falls ein ungenü­gen­der Ertrag, eine nicht kos­ten­deck­ende Brut­toren­dite oder ein nach­weis­lich unter der Orts- und Quartierüblichkeit liegen­der Miet­zins vere­in­bart wird. Dieser Vor­be­halt muss in Franken oder Prozent fest­gelegt wer­den. Unter diesen Umstän­den lassen sich eventuelle kün­ftige Senkungs­begehren ein­fach­er ablehnen.

Die anhal­tend tiefen Zin­sen ver­lock­en, sich über­mäs­sig zu ver­schulden. Das ist nicht ungefährlich.

Meist sind sich aber Mieterin­nen und Mieter dur­chaus bewusst, wenn sie von ein­er Vorzugsmi­ete prof­i­tieren und ver­lan­gen nicht bei jed­er Gele­gen­heit eine Senkung des Mietzinses.

Prog­nosen sind bes­timmt schwierig – was aber glauben Sie, passiert mit den Hypothekarzinsen?

Seit der hypothekarische Ref­erenzzinssatz vor zwölf Jahren als Massstab einge­führt wurde, ken­nt er nur eine Rich­tung. Damals lag er bei 3.5%. 2010 hat er 3 Prozent unter­schrit­ten und vor fünf Jahren 2 Prozent. In all der Zeit beteuerten Finanz­fach­leute immer wieder, dass es tiefer kaum noch gehe. Und doch liegen wir nun bei 1.25 %. Eine Prog­nose wage ich nicht. Aber die anhal­tend tiefen Zin­sen ver­lock­en, sich über­mäs­sig zu ver­schulden. Das ist nicht ungefährlich.

Andreas Käser­mann

Der hypothekarische Referenzzinssatz

Für die Miet­zins­gestal­tung wird in der ganzen Schweiz seit 2008 auf den ein­heitlichen hypothekarischen Ref­erenzzinssatz abgestellt, welch­er vom Bun­de­samt für Woh­nungswe­sen vierteljährlich veröf­fentlicht wird. Er erset­zte den früher mass­geben­den kan­tonalen Zinssatz für vari­able Hypotheken.

Die Berech­nung basiert auf ein­er von der Schweiz­erischen Nation­al­bank im Auf­trag des Bun­des durchge­führten quar­tal­sweisen Erhe­bung. Ein­be­zo­gen wer­den Banken, deren inländis­che Hypothekar­forderun­gen den Gesamt­be­trag von 300 Mil­lio­nen Franken übersteigen.

Die let­zte Anpas­sung des hypothekarischen Ref­eren­zinssatzes (von 1.75 auf 1.5 %) datiert auf 1. Juni 2017 – am 2. März 2020 sank der Ref­erenzzinssatz weit­er auf 1.25 %.