Sauberen Strom von Nachbars Dach beziehen

15. Feb­ru­ar 2018 | casanos­tra, Jour­nal­is­mus

Solardach© Dr. Klaus-Uwe Gerhardt/pixelio.de

Mit dem neuen Energiege­setz eröff­nen sich seit Anfang Jahr neue Möglichkeit­en: Wer den eige­nen, über­schüs­si­gen Solarstrom direkt verkaufen will, darf dies nun über­all tun.

aus casanos­tra 144

© Casafair Schweiz

Seit eini­gen Wochen gilt, was das Stim­mvolk voriges Jahr in der Abstim­mung über die Energies­trate­gie 2050 beschlossen hat. Der Weg bis zur Abschal­tung des let­zten AKW ist gewiss noch lang; die ersten Schritte sind jedoch gemacht.

Beson­ders inter­es­sant sind die neuen Geset­zes­bes­tim­mungen für Besitzende von Solaran­la­gen: Ihnen gewährt das Energiege­setz mehr Spiel­raum, wie Daniel Büchel, Vizedi­rek­tor des Bun­de­samts für Energie aus­führt: «Neu ist das Recht, einen Zusam­men­schluss zum Eigen­ver­brauch zu bilden, expliz­it im Gesetz ver­ankert.» Damit sei die Schaf­fung soge­nan­nter Eigen­ver­brauchs­ge­mein­schaften nicht mehr abhängig davon, ob der lokale Stromver­sorg­er solche zulässt oder nicht.

Bis­lang waren die Stro­man­bi­eter in der Tat frei, dies zu ver­bi­eten. Die Folge war, dass der eigene, über­schüs­sige Solarstrom ins Netz einge­speist und später – etwa während der Nacht – wieder vom Elek­triz­itätswerk bezo­gen wer­den musste. Mitunter mit saftiger Marge. Beson­ders attrak­tiv wurde die Instal­la­tion ein­er grösseren Solaran­lage darob freilich nicht.

Mit dem neuen Gesetz wird dies behoben: Der über­schüs­sige Solarstrom muss nicht mehr an den Stromver­sorg­er verkauft, son­dern kann in die Leitun­gen der Mit­be­wohn­er, Mieterin­nen oder Nach­barn geleit­et wer­den. Dank clev­er­er Zeit­pläne laufen dann die Boil­er und Wärmepumpen nicht mehr zur Nacht­stromzeit, son­dern tagsüber. Wenn den­noch Strom unver­braucht bleibt, muss dieser nach neuem Gesetz vom abnehmenden Stromver­sorg­er «angemessen» vergütet werden.

Solarstromproduktion wird interessanter

Die neuen Möglichkeit­en dürften eine Investi­tions­bremse lösen. Auch leis­tungs­fähigere Pho­to­voltaik-Anla­gen kön­nen rentabel betrieben wer­den. Das Bun­de­samt für Energie rech­net denn auch mit einem Zuwachs: «Generell erwarten wir einen Anstieg beim Zubau der Pho­to­voltaik, da mit dem neuen Energiege­setz auch mehr För­der­mit­tel zur Ver­fü­gung ste­hen. Die neuen Möglichkeit­en bei Eigen­ver­brauchs­ge­mein­schaften wer­den dabei sich­er eine wichtige Rolle spie­len», sagt BFE-Vizedi­rek­tor Daniel Büchel. Das Inter­esse an indi­vid­u­al­isiert­er Stromver­sorgung sei jeden­falls vital.

Gute Erfahrun­gen hat Architekt und Baubi­ologe Hannes Heuberg­er bei der Errich­tung ein­er Eigen­ver­brauchs­ge­mein­schaft im Mehrfam­i­lien­haus gemacht. «Der Auf­bau dauerte zwar etwas länger als erwartet, da alle Beteiligten Neu­land beschrit­ten haben.» Let­ztlich sei aber die Umstel­lung prob­lem­los ver­laufen. «Die grösste Her­aus­forderung bei der Ein­rich­tung beste­ht darin, die möglichen Teil­nehmenden davon zu überzeu­gen, dass sie Teil eines fan­tastis­chen Pro­jek­tes wer­den, mit Solarstrom CO²-freie Energie beziehen und damit zur Entschär­fung der Umwelt­prob­lematik aktiv beitra­gen können.»

Heuberg­ers Solaran­lage deckt den Stromver­brauch sein­er Liegen­schaft mit fünf Ein­heit­en. Den Über­schuss des Tages möchte er lieber nicht ein­speisen, son­dern ihn spe­ich­ern und nachts sel­ber ver­wen­den. Bloss: Die Spe­icherung ist der grosse und kost­spielige Knack­punkt des Konzepts. «Ich müsste in meinem Objekt noch rund 15 000 Franken investieren.» Er hege jedoch die Hoff­nung, dass in naher Zukun­ft die Spe­icher­preise rasch und stark sinken werden.

Die Abrech­nung des eige­nen Stroms sowie die Kosten­verteilung des Bezugs aus dem lokalen Strom­netz ist gemäss neuem Energiege­setz Sache der Eigen­ver­brauchs­ge­mein­schaft. Dafür bedarf es der Instal­la­tion neuer Stromzäh­ler und eventuell neuer Ver­drah­tun­gen. Ein Kosten­punkt, der im Fall von Hannes Heuberg­ers Pro­jekt über­schaubar ist: 1500 Franken bei 5 Messstellen.

Derzeit ist nicht abse­hbar, dass Pho­to­voltaik das Zeug hat, die Strompreise stark ins Rutschen zu brin­gen. Zu ger­ing ist ihr Mark­tan­teil noch: 3 Prozent des let­ztjähri­gen Schweiz­er Ver­brauchs kam laut Bun­de­samt für Energie von Solardäch­ern, allerd­ings mit klar steigen­der Ten­denz. Jedoch: «Auf den europäis­chen Strom­märk­ten ist bere­its seit eini­gen Jahren zu beobacht­en, dass die Preise zu Zeit­en mit gross­er Ein­speisung von Pho­to­voltaikan­la­gen (z. B. am Mit­tag) gegenüber früher tiefer sind», sagt BFE-Vizedi­rek­tor Daniel Büchel.

Andreas Käser­mann