«Ready to rumble»
Am 24. Juni lebt im Restaurant Mappamondo die alte Box-Tradition wieder auf: Um nicht weniger als drei Titel geht es, wenn die Bernerin Aniya Seki und Eva Voraberger aus Österreich aufeinandertreffen. Das Länggassblatt hat die Lokalmatadorin getroffen.
Es ist eine etwas andere Welt, die betritt, wer den Boxclub Bern aufsucht. Es riecht schon beim Eingang recht streng. Hier ist unverkennbar mehr als einer am Schwitzen. Das Schild, das man erspäht, geheisst einem, gleich hier die Strassenschuhe zu deponieren – die Empfangstheke folgt erst einige Meter später. Immerhin ist damit klar, was wie und in welcher Reihenfolge zu geschehen hat.
Im offenen Trainingsraum ächzt ein gutes Dutzend Boxbegeisterte, welche die betont gut hörbaren Kommandos des Trainers umzusetzen versuchen. Die Hiebe werden abwechslungsweise ausgeführt – jeder einzelne Schlag vertont mit einem Zischen, so dass es klingt, als ob sich Bugs Bunny und Duffy Duck verprügeln würden. Bloss flösst die Szene hier doch etwas mehr Respekt ein als der profane Cartoon.
An den Wänden des Boxclubs prangen ästhetische Schwarzweiss-Aufnahmen von Boxkämpfen vergangener Tage. Ich versuche ein paar bekannte Champions zu erkennen – gelingen tut’s mir nicht; vielleicht ob meiner rudimentären Kenntnis – vielleicht auch, weil «zwe Boxer im Ring» nicht in allen Fällen vorteilhaft abgelichtet werden können. Wenigstens ist da noch das Plakat, das Laien bei Bedarf mit grossen Lettern nachhilft und welches auf einen Kampf von Clubfavoritin Aniya Seki hinweist.
Letztere trainiert zur Stunde ebenfalls im Boxclub. Freilich nicht zusammen mit der grossen Gruppe sondern gleich nebenan. Im separierten Raum ist eine Wand – einem Ballettstudio gleich — komplett verspiegelt. Der Zweck ist zwar derselbe; in den widergegebenen Bewegungen geht es hier jedoch erheblich martialischer zu und her als beim Spitzentanz.
Boxen mit dem Kopf
Dabei gibt es durchaus Parallelen, wie mir Aniya Seki nach dem Training beim Coci Zero erzählt. Das «brutale Boxen» — wie sie es nennt – sei nicht ihr Ding: «Boxen ist für mich Kunst. Ich interessiere mich nicht für das rein kraftbetonte Boxen. Viel spannender ist die schnelle Bewegung und die Überraschung. Ich boxe mehr mit dem Kopf als mit den Fäusten.» Das habe sie von ihrem Trainer Bruno Arati – selber eine gestandene Box-Koryphäe – erlernt.
Dass die 38jährige Seki heute überhaupt boxt, ist einem Zufall zu verdanken. Als Tochter einer Schweizer Mutter und einem japanischen Vater im Land der aufgehenden Sonne zur Welt gekommen war Boxen nicht die naheliegende Sportkarriere: «Ich habe im Kindergartenalter mit Judo begonnen und später mit Karate weitergemacht. Mit 27 Jahren habe ich dann mal aus reinem Gwunder ein Boxtraining besucht. Es war eher eine spontane Idee.» Aus der mündete ein verhältnismässig später Einstieg ins Profiboxen: Mit 27 denken Boxer eher ans Aufhören als ans Anfangen. Nichtsdestotrotz schlägt sich Aniya Seki seit ihrem Debut 2008 wacker: Sie trug bereits mehrere Weltmeistergürtel – als erste Frau mit Schweizer Boxlizenz – und wurde von der Berner Zeitung auch schon als «begnadete Boxerin» apostrophiert.
Rumble im Schweizerbund
Dass sie es noch kann, will Aniya Seki am 24. Juni 2017 erneut beweisen. Dann tritt sie gegen die 27jährige Wienerin Eva Voraberger an und kämpft um nicht weniger als drei Titel in der Gewichtsklasse «Bantam» bis 53.5 kg. Notabene in der Länggasse: Der Kampf wird im Mappamondo ausgetragen. Wie früher, als das Mappamondo noch Schweizerbund hiess und ein Box-Hotspot war. Schweizweit bekannte Grössen wie etwa Bruno Arati oder «Rocky» Enrico Scacchia traten im Schweizerbund an. (Siehe auch Artikel unten)
«Für mich ist da auch ein Stück Heimat», sagt Aniya Seki. «Ich ging im Länggassschulhaus zur Schule und habe im Quartier meine ganze Jugend verbracht.» Gewohnt habe sie damals an der Länggässstrasse, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Mappamondo. «Tagsüber war ich im Tagesheim bei der Unitobler, wo auch meine Mutter arbeitete und es heute noch tut.» Die «Frau Seki» sei dort durchaus eine Institution.
Nun steht also mit dem anstehenden Kampf eine besondere Rückkehr an. Speziell nervös sei sie aber deswegen nicht. «Das kommt dann am Tag des Kampfes. Da bin ich immer sehr aufgeregt.» Dann bleibe sie jeweils tagsüber zu Hause. Die letzten Vorbereitungen seien immer dieselben: «Es sind Rituale, mit denen ich mich beruhige. Ich höre Musik, packe meine Taschen, setze mich hin und atme bewusst. So kann ich zur Ruhe kommen.»
Eine gute Vorbereitung sei wichtig. Sie müsse sich vor dem Kampf auch auf ein anderes Boxen einstellen, als sie es im Training praktiziert: «Im Ring muss ich böse sein. Jeden Hieb, den nicht ich selber austeile, muss ich einstecken. Es gibt im Kampf kein Pardon. Das ist schon eine andere Art des Boxens als es mir mein Trainer vermittelt.»
Aniya Seki kann durchaus unterschätzt werden. Sie wirkt zierlich und wer mit ihr spricht, jedoch nicht weiss was sie macht, würde ihr wohl kaum die Profiboxerin ansehen. «Das ist meine Spezialität», lacht sie. «Mir gefällt das. Viele beurteilen andere Menschen nach einer vorgefassten Meinung und liegen dann oft völlig falsch. Aber das ist letztlich deren Problem. Es gibt ja kein Schema, wonach nur eine muskelbepackte Maschine boxen kann.»
Boxen wie die alten Champs
Sie halte es lieber so, wie die grossen Schweizer Box-Legenden. Jene, die hierzulande langfristig Erfolg hätten und teils noch heute im Sport zu Hause sind, würden in der Tradition von Charly Bühler boxen. Der hat Mitte der 1950er-Jahre den damals bereits seit zwei Jahrzehnten bestehenden Club des russischstämmigen David Avrutschenko übernommen – in ebenso direkter wie nobler Nachbarschaft des Hotels Bellevue.
In der Ära Bühler stiegen unter dessen Fittichen klingende Namen wie Enrico Scacchia, Max Hebeisen und «die Berner Fliege» Fritz Chervet aus dem Trainingskeller in den Ring – und feierten Erfolge in Serie. Bühler war das Mass der Schweizer Boxszene und seine Crew von 1959 bis 1970 in ununterbrochener Reihenfolge Mannschaftsmeister.
Auch Sekis Trainer Bruno Arati ist ein Zögling Bühlers und gebe ihr weiter, was er bei seinem Mentor erlernt habe. «Das halte ich in Ehren», sagt Seki nicht ganz ohne Ehrfurcht. «Es ist höchst spannend von den alten Meistern zu lernen und deren bewährtes Wissen selber auch wieder weiterzugeben. Da bin ich ganz die traditionsbewusste Japanerin.»
Sport als Therapie
Seki geht jedoch auch neue Wege. So leitet sie Trainings unterschiedlicher Art. Insbesondere auch solche mit Parkinson-Patienten. Mit speziellen Workouts ohne Körperkontakt, welche typische Symptome der Nervenkrankheit lindern können. Auch ihr persönlich war Boxen bereits Therapie: Mitte zwanzig suchte sie den Ausweg aus der Ess-Brech-Sucht und fand ihn im Boxsport.
Als Trainerin arbeitet Seki nicht zuletzt aus finanziellen Gründen. «Es gibt nur eine Handvoll Boxer, welche vom Sport leben können.» Und beim Frauenboxen stünden die wirtschaftlichen Chancen gleich noch einmal ein Tick schlechter. «Finanziell kommt man als Profiboxerin durch, wenn man gewillt ist, neben den täglichen Trainings zu arbeiten.» Aber sparsam leben, das sei schon Bedingung; in die Ferien zu verreisen meist unmöglich.
Mitunter mag dieser Umstand auch darin gründen, dass das brachiale Boxen eine Männerdomäne ist. «Das ist zwar bedauerlich, aber vorderhand auch nicht zu ändern.» Diskriminiert fühle sie sich deswegen jedenfalls nicht. Abgesehen davon sei dies keine Erscheinung des Boxsports, sondern ein Problem der ganzen Gesellschaft. «Letztlich haben wir aber schon viel erreicht in der Beseitigung der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Auch wenn wir noch nicht am Ziel sind, so sind wir doch schon viel weiter als noch vor zwanzig, dreissig Jahren.»
Das Gruppen-Training im Boxclub neigt sich dem Ende zu. Die Frauen und Männer – soeben noch Kontrahenten – klatschen mit einem dumpfen Geräusch ihre dick gepolsterten Handschuhe zusammen, lächeln einander an, klopfen sich freundlich auf die Schultern. Auch Aniya Seki muss weiterziehen. Ihr Mobiltelefon mahnt sie an weitere Verabredungen. Seki ist gefragt und entsprechend vielbeschäftigt diese Tage – sie zu kontaktieren, nicht eben einfach: Die rappelvolle Combox nimmt keine neuen Nachrichten mehr an. Wer die Profiboxerin nicht gleich live am Draht hat, muss es wieder und wieder versuchen. Hartnäckigkeit gewinnt. Fast wie im Boxen.
Andreas Käsermann
Bern ist die Box-Hauptstadt der Schweiz
In Bern sind zahlreiche Box-Champions gross geworden. Ihre ersten Erfolge feierten nicht wenige in der Länggasse. Reporter-Legende Albi Saner erinnert sich an die Kult-Meetings im «Schweizerbund» — dem heutigen Restaurant «Mappamondo» — von welchen er für die Blätter zwischen Berner Oberland und Bundesstadt ebenso berichtete wie für die nationale Sportinformation:
«Der «Schweizerbund» und der Boxsport — das passte während der Blütezeiten des Athletik Box Clubs Bern mit dem legendären Charly Bühler als versiertem Coach und seinem Assistenten Alfons Bütler. Die eher kleinen, aber feinen Boxmeetings in den 70er- bis 90er-Jahren des Berner «Boxprofessors» waren beliebt — für Schweizer Amateurmeisterschaften genauso wie für Profikämpfe – etwa mit Enrico Scacchia.
Die Berner Staffel (u.a. mit den Gebrüdern Walter, Ernst, Paul und Fritz Chervet) war zu jener Zeit schweizweit führend. Der charismatische Bühler bot kommenden Stars im Schweizerbund die Möglichkeit, sich einem kleineren Publikum zu zeigen und sich auf grössere Ereignisse vorzubereiten, sei es im Bierhübeli oder Kursaal.
Der Saal war damals noch bedeutend grösser und absoluter Kult: Die Platzverhältnisse waren eng – die Boxer bereiteten sich im Untergeschoss vor. Während den Kämpfen wurde geraucht und gelegentlich flogen Stühle Richtung Ring. Die Atmosphäre war auch darum unvergleichlich, weil die Zuschauer (und die nur wenigen Zuschauerinnen) nahe am Geschehen sassen oder standen.