Select Page

Stei­gen­der Bedarf an alters­ge­rech­ten Wohnungen

13. Juni 2019

© Rai­ner Sturm/pixelio.de

Die eige­ne Wohn­zu­kunft beschäf­tigt vie­le Cas­a­fair-Mit­glie­der. Das The­ma «Woh­nen im Alter» taucht als ein Dau­er­bren­ner häu­fig in den Sprech­stun­den des Cas­a­fair-Bera­tungs­teams auf. Für casa­nostra Anlass genug, das The­ma im Rah­men einer Serie und aus ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven zu beleuch­ten. Zum Auf­takt in die­ser Aus­ga­be ein Blick in die Bevölkerungsstatistiken.

Der Bedarf an alters­ge­rech­tem Wohn­raum wird in der Schweiz stark zuneh­men. Die­se Ent­wick­lung lässt sich aus den Zah­len des Bun­des­amts für Sta­ti­stik klar erken­nen. Bis im Jahr 2025 wird jede fünf­te Per­son über 65 Jah­re alt sein, bis im Jahr 2035 gar jede vier­te. Rund 800 000 Per­so­nen wer­den dann 80-jäh­rig oder älter sein.

Ein Blick zurück

Beim Berech­nen der demo­gra­fi­schen Ent­wick­lung zie­hen die Sta­ti­sti­ker/-innen den soge­nann­ten Alters­quo­ti­en­ten zura­te. Er sagt aus, wie vie­le über 65-jäh­ri­ge Men­schen in der Schweiz auf 100 Per­so­nen im Erwerbs­al­ter (20 – 64 Jah­re) leben. Die­sem Alters­quo­ti­en­ten liegt der Jugend­quo­ti­ent gegen­über. Die­ser besagt, wie vie­le 0 –19-Jäh­ri­ge auf 100 20 – 64-Jäh­ri­ge in der Schweiz leben.

Zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts lag der Alters­quo­ti­ent sta­bil bei cir­ca 10, der Jugend­quo­ti­ent ten­dier­te zunächst gegen 80. Dies ergab die klas­si­sche demo­gra­fi­sche Alters­py­ra­mi­de. Nach einer Hausse wäh­rend des Baby­booms ist der Jugend­quo­ti­ent nun­mehr seit 60 Jah­ren rück­läu­fig; heu­te (Stand 2018) liegt er bei 32,5.

So leben Senio­rIn­nen in der Schweiz

  • 2016 leb­ten 96 Pro­zent der Senio­rin­nen und Senio­ren zu Hau­se – die übri­gen 4 Pro­zent in einem Alters- und Pfle­ge­heim oder in einer Spitaleinrichtung.
  • Ein Drit­tel der Senio­rIn­nen lebt allein, 56 Pro­zent in Paarhaushalten.
  • 31 Pro­zent der Rent­ne­rIn­nen leben in einem Einfamilienhaus.
  • Acht von zehn Senio­rin­nen und Senio­ren, wel­che zur Mie­te woh­nen, zah­len weni­ger als 1500 Fran­ken pro Monat.
  • Im Durch­schnitt bewoh­nen Pen­sio­nier­te 109 m² Wohn­flä­che in 4 Zimmern.

Der Alters­quo­ti­ent nimmt hin­ge­gen seit Mit­te der 1920er-Jah­re stän­dig zu. Ende letz­ten Jah­res lag er bei 30 – und ist damit prak­tisch gleich­auf mit dem Jugend­quo­ti­en­ten. Und der Trend dürf­te gemäss den Pro­gno­sen des Bun­des­amts für Sta­ti­stik BFS wei­ter­ge­hen – mit kan­to­na­len Unter­schie­den freilich.

Gemäss den BFS-Bevöl­ke­rungs­sze­na­ri­en alte­re die Bevöl­ke­rung der städ­ti­schen Kan­to­ne im All­ge­mei­nen weni­ger stark, da mehr jun­ge Erwach­se­ne zu- und älte­re Erwach­se­ne häu­fi­ger abwan­der­ten. «2045 wird der Alters­quo­ti­ent in den Kan­to­nen Basel-Stadt, Waadt, Frei­burg und Genf knapp 45 betra­gen. Die länd­li­chen Kan­to­ne und die Tou­ris­mus­kan­to­ne wei­sen auf­grund der Abwan­de­rung der jun­gen Erwach­se­nen und der Zuwan­de­rung älte­rer Per­so­nen eine ver­stärk­te Alte­rung auf. In den Kan­to­nen Uri, Obwal­den, Tes­sin, Nid­wal­den und Grau­bün­den wird der Alters­quo­ti­ent im Jahr 2045 über 60 betragen.»

Bedarf steigt in den näch­sten Jahren

Ange­sichts eines wei­ter stei­gen­den Alters­quo­ti­en­ten wird offen­sicht­lich: Es braucht künf­tig mehr geeig­ne­ten und alters­ge­recht gestal­te­ten Wohn­raum für die älter wer­den­de Bevöl­ke­rung in der Schweiz. In urba­nen Gebie­ten – aber auch anders­wo. Ein Trend, der den ein­schlä­gi­gen Orga­ni­sa­tio­nen längst bewusst ist und für den sie sich einsetzen.

Doch auch die öffent­li­che Hand steht in der Pflicht. Das Bun­des­amt für Woh­nungs­we­sen plä­diert für hin­der­nis­frei­en Wohn­raum an gut erschlos­se­nen Lagen und in der Nähe von Ein­kaufs­mög­lich­kei­ten, ergänzt aller­dings: «Eine der Her­aus­for­de­run­gen besteht dar­in, dass es nur sehr wenig preis­gün­sti­ge, klei­ne Woh­nun­gen gibt, ins­be­son­de­re in den Zen­tren. » Kommt hin­zu, dass das frü­her noch weit ver­brei­te­te Zusam­men­le­ben von meh­re­ren Genera­tio­nen unter einem Dach heu­te nur noch ein Rand­phä­no­men dar­stellt. «Leb­te 1970 fast jede fünf­te Per­son im AHV-Alter mit ihren Nach­kom­men, so waren es 2000 noch 3 Prozent.»

Dar­aus lei­tet sich auch ein raum­pla­ne­ri­scher Auf­trag an die Kan­to­ne und Gemein­den ab. Sie ent­schei­den, wo wel­cher Wohn­raum ent­steht. Mit­un­ter kön­nen dabei finanz­po­li­ti­sche Über­le­gun­gen höher gewich­tet wer­den. Im Ver­dacht stan­den in die­ser Hin­sicht Kom­mu­nen im Kan­ton Zürich. Denn dort lau­fen Gemein­den mit einem hohen Anteil an alters­ge­rech­ten Woh­nun­gen Gefahr, beson­ders vie­le älte­re Per­so­nen anzu­zie­hen. Brau­chen die­se in einer spä­te­ren Pha­se Unter­stüt­zungs­lei­stun­gen, fal­len die Kosten in der Wohn­sitz­ge­mein­de an.

In einer Inter­pel­la­ti­on im Zür­cher Kan­tons­rat wur­de dar­um vor drei Jah­ren befürch­tet, «dass die Gemein­den dar­auf ach­ten könn­ten, dass es weni­ger statt mehr sol­cher Woh­nun­gen gibt.» Sol­che Kom­mu­nen könn­ten damit «ein Zei­chen set­zen, dass älte­re Men­schen doch bit­te das Alter in einer ande­ren Gemein­de ver­brin­gen sollen.»

Der Regie­rungs­rat wuss­te die Befürch­tung nicht voll­ends zu zer­streu­en, ant­wor­te­te jedoch: «Zu beden­ken ist, dass mit Alters­woh­nun­gen nicht nur ein finan­zi­el­les Risi­ko ver­bun­den ist, son­dern auch, dass Mie­te­rin­nen und Mie­ter von Alters­woh­nun­gen oft meh­re­re Jah­re in ihren Woh­nun­gen leben und Steu­ern zah­len, bevor sie – wenn über­haupt – Pfle­ge­lei­stun­gen mit all­fäl­li­ger Rest­fi­nan­zie­rungs­pflicht der Gemein­den bezie­hen müs­sen.» Des­halb kön­ne nicht ohne Wei­te­res davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass der Aus­bau des Ange­bots an Alters­woh­nun­gen für die Gemein­den ein poten­zi­el­les «Ver­lust­ge­schäft» darstellt.

Doch sind Miet­woh­nun­gen bei den Schwei­zer Senio­rIn­nen ohne­hin weni­ger gefragt. Der Bedarf kommt erst mit fort­schrei­ten­dem Alter. Fast 60 Pro­zent der 65 – 69-Jäh­ri­gen woh­nen gemäss Bun­des­amt für Sta­ti­stik in ihrer eige­nen Woh­nung. Bei der jün­ge­ren Bevöl­ke­rung beträgt die­ser Anteil ledig­lich 39 Pro­zent. Bei den über 70-Jäh­ri­gen nimmt der Anteil ab – viel­fach, weil Senio­rIn­nen dann­zu­mal häu­fi­ger in alters­ge­rech­te Miet­woh­nun­gen zie­hen. «Ein wei­te­rer Grund kann sein, dass in man­chen Fäl­len die Fami­li­en­woh­nung als Erb­vor­be­zug den Kin­dern über­tra­gen wird und die Eltern als Nutz­nies­ser wei­ter­hin dar­in leben», schreibt das BFS. Ein wei­te­rer Aspekt kön­ne die Eigen­tums­po­li­tik der letz­ten Jahr­zehn­te sein, von der vor allem die heu­te 50- bis 60-Jäh­ri­gen pro­fi­tiert hätten.

Andre­as Käsermann

aus casa­nostra 151

© Cas­a­fair Schweiz