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Bar­rie­re­frei­es Bau­en nützt allen

8. Novem­ber 2017

© Uta Herbert/pixelio.de

Wir sor­gen vor, wir pla­nen, den­ken vor­aus, äuf­nen eine drit­te Säu­le; bloss beim eige­nen Zuhau­se – der mit­un­ter wich­tig­sten Inve­sti­ti­on im Leben – geht der Vor­sor­ge­ge­dan­ke häu­fig ver­ges­sen. Oft wer­den Woh­nun­gen gekauft oder Häu­ser gebaut, wel­che spä­ter zum Bume­rang wer­den. Das müss­te nicht sein.

Die mei­sten Men­schen sind irgend­wann in ihrem Leben zeit­wei­lig han­di­ca­piert: Nach dem Bein­bruch ist der Bade­wan­nen­rand ein schier unüber­wind­ba­res Hin­der­nis; bricht man sich den Arm, wird gar das lapi­da­re Bin­den der Schu­he zur Her­aus­for­de­rung, an wel­cher manch einer gran­di­os schei­tert. Nach ein paar Wochen jedoch ist der Kno­chen heil und der Gedan­ke an die Unzu­läng­lich­kei­ten des Kör­pers sowie des­sen Gebrech­lich­keit ver­flo­gen.

Dabei ist die­se Lebens­er­fah­rung All­tag für nicht weni­ge: In der Schweiz leben gemäss Zah­len des Bun­des­amts für Sta­ti­stik BFS über 1,8 Mil­lio­nen Men­schen mit einer Behin­de­rung – 484 000 davon mit einer star­ken Beein­träch­ti­gung. Für sehr vie­le die­ser Men­schen sind auch die paar weni­gen Trep­pen­stu­fen zur Hoch­par­terre­woh­nung ein Hin­der­nis; die hohen Küchen- und Ein­bau­schrän­ke kein Gewinn.

«Vie­le sind sich der Bedürf­nis­se älte­rer Men­schen wenig bewusst. Wer­den sie jedoch damit kon­fron­tiert, fin­den sie die­se wich­tig und set­zen sich dafür ein.»

Aber auch im Alter tau­chen ande­re Ansprü­che an die Woh­nung auf. Und die Grup­pe wächst: Ende letz­ten Jah­res leb­ten gemäss BFS in der Schweiz 1,1 Mil­lio­nen über 65-Jäh­ri­ge – davon fast ein Drit­tel über 80-Jäh­ri­ge. Auch sie pro­fi­tie­ren, wenn Archi­tek­ten, Pla­ner und Bau­her­ren an mehr Even­tua­li­tä­ten den­ken, als die Gegen­wart dies her­gibt. «Ich glau­be, es hat zum Teil auch mit feh­len­dem Bewusst­sein zu tun, dass das The­ma ‹Bar­rie­re­frei­heit› immer noch viel zu wenig in die Pla­nung mit ein­be­zo­gen wird», mut­masst San­dra Remund, Vor­stands­mit­glied des Haus­ver­eins Zen­tral­schweiz. Sie und ihr Team der Archi­tek­tur-Fir­ma Alter­via GmbH haben sich auf die Ent­wick­lung von Lebens­räu­men für älter wer­den­de Men­schen spe­zia­li­siert. «Mit einem Umden­ken und dem Los­las­sen von aus­schliess­lich design-gesteu­er­ten Vor­stel­lun­gen wäre schon viel gewon­nen.»

Die klei­nen gros­sen Hür­den

Oft stol­per­ten gera­de älte­re Men­schen über Klei­nig­kei­ten. Etwa in der Küche, wo heu­te häu­fig Her­de mit Berüh­rungs­sen­so­ren ein­ge­baut wer­den. Ein Pro­blem, wenn ob zuneh­men­der Alters­sich­tig­keit die klei­nen digi­ta­len Zif­fern nicht mehr erkannt wer­den: «Zudem nimmt die sen­so­ri­sche Fähig­keit ab und das Bedie­nen mit dem Fin­ger wird zum Pro­blem. Die Kon­se­quenz für die­se Per­son ist, dass sie nicht mehr sel­ber kochen kann, obwohl sie dazu mit einem ande­ren Herd durch­aus noch in der Lage wäre.»

© Uschi Dreiucker/pixelio.de

Auch Men­schen mit Behin­de­rung schei­tern häu­fig an klei­nen Din­gen, wel­che eine gros­se Hür­de dar­stel­len: die Höhe der Son­ne­rie, der Gegen­sprech­an­la­ge, der Brief­kä­sten. Wei­ter geht in der Pla­nung ab und an die Bedien­bar­keit von Türen und der unge­hin­der­te Zugang zu Ein­stell­hal­len oder zu wich­ti­gen Neben­räu­men wie Kel­ler und Wasch­kü­che ver­ges­sen, wie Nico­le Woog, Archi­tek­tin und Lei­te­rin der Koor­di­na­ti­ons­stel­le Bau­en und Umwelt der Pro Infir­mis bemän­gelt: «Stu­fen und Schwel­len kön­nen gan­ze Gebäu­de­tei­le für Men­schen im Roll­stuhl unzu­gäng­lich machen und sie aus­schlies­sen. Dies wäre ein­fach zu ver­mei­den.» Bar­rie­re­frei zu bau­en, ist über­dies kein Stör­fak­tor für Per­so­nen ohne Han­di­cap. Im Gegen­teil: Die hin­der­nis­freie Bau­wei­se ver­bes­se­re die Benutz­bar­keit des Gebäu­des und den Kom­fort für alle Benut­zer: «Es pro­fi­tie­ren älte­re Men­schen, Per­so­nen mit klei­nen Kin­dern und Kin­der­wa­gen, mit Rei­se­ge­päck oder schwe­ren Ein­käu­fen und sie erleich­tert den Ein- und Aus­zug. Die hin­der­nis­freie Bau­wei­se ist somit ein Mehr­wert für die gesam­te Gesell­schaft.» Einer, der sich über­dies aus­zah­le, meint San­dra Remund: «Wenn die eige­ne Woh­nung es erlaubt, so lan­ge wie mög­lich selb­stän­dig zu leben, kann manch ein früh­zei­ti­ger Umzug in eine sta­tio­nä­re Ein­rich­tung ver­hin­dert wer­den.»

Noch Luft nach oben

Die Situa­ti­on und die Denk­wei­se habe sich frei­lich in den letz­ten Jah­ren deut­lich ver­bes­sert. Seit Inkraft­tre­ten des Behin­der­ten­gleich­stel­lungs­ge­set­zes 2004 und der SIA-Norm 500, wel­che das hin­der­nis­freie Bau­en vor­schreibt, ist das The­ma bei der Pla­nung stär­ker prä­sent.

Bei öffent­li­chen Gebäu­den sei die Hin­der­nis­frei­heit seit­her weit fort­ge­schrit­ten. «Im Woh­nungs­bau hin­ge­gen hapert es noch», sagt SP-Stän­de­rä­tin Pas­ca­le Bru­de­rer, Prä­si­den­tin des Dach­ver­bands der Behin­der­ten­or­ga­ni­sa­tio­nen Inclu­si­on Han­di­cap: «Vor allem älte­re Mehr­fa­mi­li­en­häu­ser sind für Men­schen mit Behin­de­rung oft ein Pro­blem. Es gibt viel zu wenig Woh­nun­gen, die behin­der­ten­ge­recht gestal­tet sind.» Immer­hin habe sich die Situa­ti­on bei neu erstell­ten Miet­häu­sern ver­bes­sert.

«Eine Woh­nung hin­der­nis­frei zu gestal­ten ergibt durch­aus auch einen Mehr­wert. Dies min­de­stens zu prü­fen, lohnt sich auf jeden Fall.»

Dabei sei der Bau von bar­rie­re­frei­en Woh­nun­gen nicht pri­mär eine Kosten­fra­ge: Neu­bau­ten hin­der­nis­frei zu erstel­len, mache auf der Kosten­sei­te ein Plus von etwa 2,6 Pro­zent aus, erläu­tert Nico­le Woog: «Je frü­her die hin­der­nis­freie Bau­wei­se im Pla­nungs­pro­zess mit ein­be­zo­gen ist, desto gün­sti­ger wird sie.» Auf­wen­di­ger sind Anpas­sun­gen von älte­ren Gebäu­den: Durch­schnitt­lich  beträgt der Mehr­auf­wand bei Umbau­ten 5,9 Pro­zent. Es kön­ne auch Aus­reis­ser nach oben geben, räumt Pas­ca­le Bru­de­rer ein: «Die Abklä­run­gen loh­nen sich immer. Auch wenn es ver­ein­zelt Fäl­le gibt, in denen sich ein behin­der­ten­ge­rech­ter Umbau auf­grund feh­len­der Ver­hält­nis­mäs­sig­keit schlicht nicht umset­zen lässt.» Rich­tig kom­pli­ziert kann es zudem wer­den, wenn ein Gebäu­de unter Denk­mal­schutz steht.

© Rai­ner Sturm/pixelio.de

Bau­herr­schaf­ten sen­si­bi­li­sie­ren

Dass Archi­tek­tin­nen und Bau­pla­ner ver­mehrt an Hin­der­nis­frei­heit den­ken, ist gut. War­um jedoch ist die Fra­ge­stel­lung bei der Bau­herr­schaft so wenig prä­sent? Oft wer­de die Mög­lich­keit eines schwe­ren Han­di­caps aus­ge­schlos­sen und das eige­ne Altern ver­drängt: «Wer nicht sel­ber bereits direkt oder indi­rekt betrof­fen ist, schenkt dem The­ma wenig Auf­merk­sam­keit», stellt Bru­de­rer fest. Dabei ist doch ganz beson­ders im Alter ein Weg­zug aus der lieb­ge­won­ne­nen Umge­bung eine mar­kan­te Zäsur; eine gros­se Bela­stung noch dazu. Die Betrof­fen­heit im eige­nen Umfeld kön­ne jedoch zum Umden­ken bewe­gen, sagt Archi­tek­tin San­dra Remund: «Ich mache die Erfah­rung, dass Men­schen, wel­che sich gera­de mit der Gebrech­lich­keit der eige­nen Eltern aus­ein­an­der­zu­set­zen haben, sich des Pro­blems plötz­lich bewusst wer­den. Dass ein feh­len­der Hand­lauf oder ein Tür­schlies­ser dazu füh­ren kön­nen, dass eine fra­gi­le Per­son das Haus nicht mehr ver­las­sen kann.»

«Der Bedarf an hin­der­nis­frei­em Wohn­raum wird spür­bar stei­gen und Neu­bau­ten allein wer­den die­sen nicht abdecken kön­nen. Es ist des­halb eine gesell­schaft­li­che Not­wen­dig­keit, bestehen­de Wohn­ge­bäu­de hin­der­nis­frei anzu­pas­sen.»

Das Behin­der­ten­gleich­stel­lungs­ge­setz ver­langt, dass Wohn­bau­ten mit mehr als 8 Wohn­ein­hei­ten hin­der­nis­frei gebaut wer­den müs­sen. Für Pro Infir­mis ist die­ser Grenz­wert zu hoch ange­setzt, hält Nico­le Woog dage­gen: «Mehr­fa­mi­li­en­häu­ser mit so vie­len Woh­nun­gen sind fast nur in den grös­se­ren Zen­tren zu fin­den. Idea­ler­wei­se wür­den Wohn­bau­ten ab 4 Woh­nun­gen hin­der­nis­frei gebaut.» Immer­hin sei­en die Kan­to­ne frei, den vom Bund vor­ge­schrie­be­nen Grenz­wert zu unter­schrei­ten. So müs­sen etwa in den Kan­to­nen Basel-Stadt und Genf neu bewil­lig­te Wohn­bau­ten ab 2 Ein­hei­ten hin­der­nis­frei sein. Mit den kan­to­na­len Geset­zes­re­vi­sio­nen ver­bes­ser­ten sich die Anfor­de­run­gen aber lau­fend, ergänzt Woog.

Hin­der­nis­se selbst im Bun­des­haus

Bundeshaus© Béa­tri­ce Devènes/Parlamentsdienste

Wie wenig sen­si­bi­li­siert die Schwei­zer Poli­tik hin­sicht­lich Bar­rie­re­frei­heit lan­ge Zeit war, zeigt auch die Tat­sa­che, dass das Bun­des­haus fast neun­zig Jah­re lang nicht roll­stuhl­gän­gig war.

Erst 1991 sah sich Bun­des­bern mit der dama­li­gen Wahl des unlängst ver­stor­be­nen Marc F. Suter (FDP/BE) in den Natio­nal­rat mit einem ernst­haf­ten Pro­blem kon­fron­tiert: Der quer­schnitt­ge­lähm­te Natio­nal­rat Suter konn­te nicht durch die übli­che Pfor­te in den Rats­saal und in die Sit­zungs­zim­mer gelan­gen. In aller Eile wur­den meh­re­re Trep­pen­lif­te in Auf­trag gege­ben, die jedoch bei der ersten Ses­si­on Suters noch nicht mon­tiert waren. Marc F. Suter muss­te aus die­sem Grun­de wäh­rend sei­nen ersten Tagen im Amt noch über einen Lie­fe­ran­ten­ein­gang ins Bun­des­haus gelan­gen.

Ganz hin­der­nis­frei ist das denk­mal­ge­schütz­te Bun­des­haus übri­gens auch heu­te nicht: Das offi­zi­el­le Red­ner­pult der gros­sen Kam­mer ist für den eben­falls an den Roll­stuhl gebun­de­nen Natio­nal­rat Chri­sti­an Lohr (CVP/TG) uner­reich­bar. Sei­ne Voten hält Lohr dar­um jeweils im Halb­rund vor dem Rats­kol­le­gi­um.

Das Boh­ren dicker Bret­ter

Dass die Vor­ga­ben des Bun­des der­einst wei­ter ver­schärft wer­den, unter­stützt auch Stän­de­rä­tin Pas­ca­le Bru­de­rer. Immer­hin habe die Schweiz die Uno-Behin­der­ten­rechts­kon­ven­ti­on rati­fi­ziert – sei aber in deren Erfül­lung im Rück­stand: «Es hat sich eini­ges getan, wir haben aber noch zu vie­le Defi­zi­te in der Gleich­stel­lung von behin­der­ten Men­schen. Wir lei­sten sehr viel Über­zeu­gungs­ar­beit im Depar­te­ment des Innern.» Die Fra­ge des gesetz­lich vor­ge­schrie­be­nen Woh­nungs­an­ge­bots für Men­schen mit Han­di­cap müs­se unbe­dingt wei­ter dis­ku­tiert wer­den.

Andre­as Käser­mann