Ist die Gemeinschaftswaschküche ein Auslaufmodell?

18. Juni 2020 | casanos­tra, Jour­nal­is­mus

© hauku/pixelio.de

Einst war sie der absolute Nor­mal­fall: die Gemein­schaftswaschküche, welche in einem Mehrparteien­haus von allen genutzt wurde. In der 24-Stun­den-Gesellschaft passt sie jedoch mitunter nicht mehr so recht zu den steigen­den Kom­for­t­ansprüchen und ver­schwindet mehr und mehr. Dabei hat die gemein­schaftlich genutzte Waschküche viele Vorteile.

aus casanos­tra 156

© Casafair Schweiz

Die gemein­same Waschküchen­nutzung ist eine delikate Angele­gen­heit. Gele­gentlich «ver­gisst» der Stu­dent von der Dachwoh­nung seine Wäsche und lässt diese so lange hän­gen, bis sie mehr Staub als Frische aufweist; mal beschw­ert sich die alle­in­ste­hende Frau Bieri aus dem drit­ten Stock über die vierköp­fige Fam­i­lie im Parterre, welche viel zu häu­fig wasche, und ab und an beklagt sich Hauswart Moser via handgeschriebenes Plakat über die «Sauerei», welche zurück­ge­lassen werde. Die Gemein­schaftswaschküche im Keller ist nicht sel­ten der Grund für Feuer unterm Dach. Die Lösung ist der Waschturm oder der «eigene Waschraum mit Waschmas­chine und Tum­bler», der immer häu­figer in Immo­bilien­auss­chrei­bun­gen anzutr­e­f­fen ist.

© Genossen­schaft Kalk­bre­ite, Volk­er Schopp

Gemeinsam nutzen funktioniert

Ander­swo geht die geteilte Nutzung von Infra­struk­turen und Räu­men noch weit über die Waschküche hin­aus. Ein Beispiel wird in der Zürcher Genossen­schaft Kalk­bre­ite gelebt.

Gemein­sam genutzt wird etwa ein Gefrier­raum, wo alle Bewohner­In­nen über ein per­sön­lich­es Tiefkühlfach ver­fü­gen, sagt die Kom­mu­nika­tionsver­ant­wortliche Aline Diggel­mann: «Sie haben zudem die Möglichkeit, Büro­plätze in Gemein­schafts­büros zu mieten oder Gästez­im­mer in der haus­in­ter­nen Pen­sion zu buchen. Des Weit­eren ste­hen den Bewohner­In­nen eine Werk­statt, eine Sauna und ein Musikraum zur gemein­schaftlichen Nutzung zur Verfügung.»

Raum teilen und in der Gemein­schaft nutzen ist Pro­gramm in der Kalk­bre­ite. Aline Diggel­mann sieht dabei zwei Hauptvorteile: «Zum einen fördern gemein­schaftlich genutzte Infra­struk­turen und Räume die Gemein­schaft und den sozialen Kon­takt. Zum anderen bedeutet Teilen auch Nach­haltigkeit und Suffizienz.»

Eine Entwick­lung, welche auch die Immo­bilien­fach­leute im Casafair-Beratungsnet­zw­erk beobacht­en. «Die Nach­frage ist da und ger­ade bei Ver­mi­etun­gen im gehobe­nen Preis­seg­ment ist der eigene Waschturm ein Ver­mark­tungsar­gu­ment», weiss Bar­bara Müh­lestein, Immo­bilienex­per­tin im Casafair-Dien­stleis­tungszen­trum Bern. Dies bestätigt Casafair-Zen­tralvor­standsmit­glied Michel Wyss: «Mein­er Mei­n­ung nach wird meist nach Ziel­grup­pen unter­schieden: je gün­stiger der Wohn­raum, umso eher wird eine Gemein­schaftswaschküche vorhan­den sein – steigt der Preis, wird ein Waschturm gefordert.» Weit­er ist auch der ver­füg­bar Raum mass­gebend, sagt Immo­bilien­fach­frau Karin Weis­senberg­er, Co-Präsi­dentin Casafair Zürich: «Ger­ade in kleineren Woh­nun­gen ist oft die Platzfrage entschei­dend. Und deshalb wird die all­ge­meine Waschküche nach wie vor häu­fig genutzt.»

Des Wäscheturms Vorteile …

Der indi­vidu­elle Waschturm in der eige­nen Woh­nung ist aber nicht ein­fach zu ver­teufeln. Thomas Hard­eg­ger sieht neben den Mark­tar­gu­menten weit­ere Vorzüge: «Der Vorteil von Waschtür­men in der Woh­nung sind klare Ver­ant­wortlichkeit­en bei Störun­gen und Repara­turen. Bei ein­er Plan-Lebens­dauer von 10 bis 15 Jahren kann auch eine anteilsmäs­sige Beteili­gung bei vorzeit­igem Ersatz einge­fordert wer­den.» Beim Waschraum, der von allen genutzt werde, sei der Verur­sach­er eines Schadens oft nicht festzustellen. «Zudem fällt auch der Stre­it um die Waschküche bei per­sön­lichen Waschgele­gen­heit­en weg», sagt Hard­eg­ger. Für Ver­mi­etende bedeutet dies weniger Umtriebe.

Als weit­eren Plus­punkt der Waschtürme nen­nt Bar­bara Müh­lestein die ein­fachere Ver­brauchsabrech­nung: «Teure Zahlsys­teme oder indi­vidu­elle Abrech­nun­gen ent­fall­en, weil die Maschi­nen direkt am per­sön­lichen Strom- und Wasser­an­schluss laufen.»

… und dessen Makel

So ver­lock­end also der per­sön­liche Waschturm in der Woh­nung oder in einem Neben­raum sein mag; so gut wie er zu den Kom­for­t­ansprüchen der indi­vid­u­al­isierten 24-Stun­den-Gesellschaft passt – min­destens eben­so so schw­er wiegen dessen Nachteile: Die pri­vat­en Maschi­nen ste­hen viel häu­figer leer als gemein­schaftlich genutzte. Sie benöti­gen allen­falls zusät­zliche Instal­la­tio­nen und nehmen ins­ge­samt mehr Raum ein, gibt Thomas Hard­eg­ger zu bedenken: «Bezieht man den Platz, welch­er von Waschtür­men zugestellt wird, mit ein und eben­so die graue Energie, welche bei mehr Geräten von deren Pro­duk­tion bis zur Entsorgung anfällt, dann ist die Waschküche wesentlich ökologischer.»

Aber auch die Bal­ance der Raum­feuchtigkeit ist in ein­er grösseren Waschküche viel ein­fach­er zu hal­ten als in den teil­weise engen Ver­hält­nis­sen in der Woh­nung. «Das wird oft unter­schätzt und kann Schim­mel verur­sachen», sagt Bar­bara Mühlestein.

© Luise Pfefferkorn/pixelio.de

Gemeinschaftswaschküchen richtig ausrüsten

Da und dort wer­den Gemein­schaftswaschküchen allerd­ings auch mit überdi­men­sion­ierten Geräten aus­ges­tat­tet. Die Menge je Waschgang ist gegenüber früher gesunken und ins­beson­dere Maschi­nen mit gross­er Fül­lka­paz­ität über 7 kg wer­den oft nicht mehr voll beladen. Die Teil­be­ladungserken­nung hil­ft zwar Strom und Wass­er sparen; die Prax­is zeigt aber: Eine halbe Beladung spart deut­lich weniger als 50 Prozent.

Auch soll­ten Gemein­schaftswaschküchen zweck­mäs­sig ein­gerichtet und ein­ladend gestal­tet sein. Genü­gend Platz bietet die Möglichkeit, Wäsche aufzuhän­gen. Das entspricht trotz Trend zum Trock­n­er noch immer einem Bedürf­nis, das sich erst noch energie- und kostens­parend auswirkt – allen­falls lässt sich die Trock­nungszeit mit einem sparsamen Raum­luft-Wäschetrock­n­er verkürzen. Damit kann auch dem Wäschetrock­nen in der Woh­nung und möglichen Feucht­eschä­den vorge­beugt werden.

Nicht schaden kann eine kurze Instruk­tion aller Parteien – die kor­rek­te Hand­habe kann die Lebens­dauer der Geräte ver­längern. Ein Waschkalen­der kann in grösseren Liegen­schaften hil­fre­ich sein; Karin Weis­senberg­er ist jedoch zurück­hal­tend: «Man muss MieterIn­nen keine star­ren Regeln vorgeben. Das ist Bevor­mundung.» In den von ihr ver­wal­teten Liegen­schaften set­zt sie auf freie Waschzeit­en. Mieterin­nen und Mieter wüssten sich meis­tens sehr gut zu arrang­ieren. «Wenn man dann noch mit­gibt: ich mache keine Regeln, ihr kön­nt das selb­st, dann funk­tion­iert das meist recht gut.»

Andreas Käser­mann