Hauptsache, die Musik ist gut Andreas Ryser ist auf ständiger Mission für elektronische Beats

28. Okto­ber 2016 | Jour­nal­is­mus, Läng­gass­blatt

Länggassblatt© Läng­gass­blatt

«Elek­tro» ist Musik in den Ohren von Andreas Ryser. Das «Läng­gass­blatt» hat die graue Emi­nenz der Schweiz­er Elek­troszene und Inhab­er eines eige­nen Plat­ten­la­bels getroffen.

aus Läng­gass­blatt 241

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Im «Sat­tler» haben wir abgemacht. Um 10 Uhr mor­gens. Für einen Musik­er wohl eher eine Unzeit, denke ich mir und stelle mich auf min­destens eine Vier­tel­stunde Ver­spä­tung ein. So kann man irren: Fast sekun­den­ge­nau kurvt ein­er im T‑Shirt, mit Umhänge­tasche und Base­ball-Käp­pi auf einem drol­li­gen Klap­pvelo um die Ecke. «Das ist das beste Gefährt, das ich je besass», sagt Andreas Ryser, Labelbe­sitzer und – wie sich später zeigt – Lob­by­ist auf musikalis­ch­er Mis­sion. «Wenn ich in Zürich zwei, drei Meet­ings habe, nehme ich mein Klap­prad in den Zug und spare mir lock­er mal eine Stunde Tram­fahrten.» Das gute Stück lässt sich zusam­men­klap­pen und ist dann kaum gröss­er als eine Lap­top­tasche. «Passt per­fekt unter den Sitz in der Bahn», lacht der 44jährige und vol­lzieht eine Demon­stra­tion der Vorzüge des Vehikels.

Vom Velokrurier zum Labelchef

Seit nun­mehr fünf Jahren wohnt Andreas Ryser in der Läng­gasse. Zusam­men mit der Part­ner­in und dem achtjähri­gen Sohn. Als Velokuri­er hat er früher tausende von Kilo­me­tern in der Region Bern abge­spult. Das war aber nur die halbe Wahrheit, der halbe Ryser: denn bere­its damals – anfangs der 2000er-Jahre – war der noch lieber mit Musik als im Liefer­auf­trag unter­wegs. 2003 grün­dete er zusam­men mit dem Bern­er Daniel Jakob das Duo Filewile, das es her­nach nation­al zu ansehn­lich­er Beach­tung brachte und deren elek­tro­n­isch gener­ierten Klänge den Sprung in die Playlists der Neuheit­ensendung «Sounds!» von SRF 3 – damals noch DRS 3 – schafften.

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Andreas Ryser erin­nert sich gern an diese Zeit. «Unseren allerersten Auftritt hat­ten wir als Strassen­musik­er vor dem Ein­gang der Sónar – einem Musik­fes­ti­val in Barcelona.» Das Duo kam jedoch deut­lich anders daher als die klas­sis­chen Busker: «Unser Equip­ment bestand aus zwei Apple Power­Books und einem bat­teriebe­triebe­nen Soundsys­tem.» Die Band veröf­fentlichte in der Folge jeden Monat einen Elek­tro-Track, der allerd­ings nicht käu­flich zu erwer­ben war: «Anfangs haben wir unsere Tracks gratis via Inter­net als Down­load ange­boten. Dieses Konzept war neu und auf­fäl­lig.» Ein eben­solch­er Gratis­down­load schaffte es denn auch mit dem zuge­höri­gen Video­clip in die Rota­tion des dama­li­gen Musikkanals Viva Swizz – und ins nationale Radioprogramm.

Kon­ven­tio­nen sind vielle­icht nicht so ganz Rysers Ding, denkt sich ein­er, der dem Mann mit Käp­pi gegenüber­sitzt. Trotz­dem: «Vieles ist bloss­es Verkaufen», sagt er. «Es genügt nicht, eine Hand­voll guter Songs zu haben. Du musst auch ler­nen, sie zu ver­pack­en und unter die Leute zu brin­gen.» Das gelang offen­bar nicht schlecht: Filewile steuerte Sound­tracks zu mehreren Fil­men bei und lieferte Lunik eben­so wie Steff La Cheffe, King Pepe oder den Gan­glo­rds Remix­es der­er Songs. Zum Quar­tett gewach­sen — mit Sän­gerin und Bassist ergänzt – tin­gel­ten die Elek­tro-Tüftler quer durch Europa, Afri­ka und Südamerika.

Die Musik spielt weltweit

Unter­wegs als Musik­er habe er viel über das Geschäft gel­ernt, sagt Andreas Ryser und blickt einen Moment lang gedanken­ver­loren in die Kaf­fee­tasse vor ihm. Wis­sen, das ihm jet­zt zu Gute kommt; nun da er sel­ber haupt­beru­flich Teil ebendieses Geschäfts ist. «Mouth­wa­ter­ing Records» nen­nt er sein eigenes Plat­ten­la­bel in Anlehnung an die Anfangszeit­en, als er im Dach­stock der Rei­thalle an den Mouth­wa­ter­ing Events für elek­tro­n­is­che Klänge sorgte. Heute arbeit­et er in einem Gemein­schafts­büro nahe dem Insel­spi­tal. Rund 20 Kün­stler hat er unter Ver­trag – alle aus dem Bere­ich der elek­tro­n­is­chen Musik. Gegen 60 Alben hat er mit ihnen veröf­fentlicht. Mutig, angesichts des kleinen poten­ziellen Mark­ts hierzu­lande. «Nation­al kann man kaum agieren», meint er. «Um erfol­gre­ich zu sein, braucht es die inter­na­tionalen Märk­te.» In der Schweiz set­ze man zu wenig ab, um die Kosten ein­er Pro­duk­tion einzuspielen.

Fra­g­los sind die elek­tro­n­isch erzeugten Beats beileibe nicht jed­er­manns Sache. Die einen sind regel­recht entzückt, andere apos­tro­phieren die dig­i­tal­en Klänge als Lärm – weit­ere als lang­weilig. Das küm­mert Ryser wenig: «Ich mag jede Art von Musik. Haupt­sache, sie ist gut.» Okay; das ist bestechend ein­fach. Es gäbe sie natür­lich schon, die Kün­stler, die nicht in sein Port­fo­lio passen. «Ich erhalte nicht sel­ten Demoauf­nah­men von neuen Inter­pre­ten, die sich offen­bar nicht die ger­ing­sten Gedanken machen, ob ein Label für sie geeignet ist oder nicht. Die suchen ver­bis­sen nach einem Ver­leger – egal ob es passt.» Und dann höre er halt trotz­dem hin und vergeude seine Zeit, statt sie für jene aufzuwän­den, denen er auch etwas bieten könne. «Über der­lei kann ich mich ganz übel ärgern.»

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Ständig auf Achse

Denn: Zeit ist Geld. Auch in diesem Geschäft – und erst jet­zt ver­ste­he ich die nicht sofort ersichtliche Notwendigkeit eines Klap­pve­los im Zug. Ver­liert Ryser zwis­chen zwei Sitzun­gen mit dem blossen Trans­fer eine Stunde, dann nützt dies nie­man­dem. Am wenig­sten den Kün­stlern: «Eigentlich bin ich nichts weit­er als ein Mar­ket­ing­fuzzi», macht er auf Under­state­ment. «Ich ver­suche die Perlen zu find­en und gebe mein bestes, diesen Leuten eine Plat­tform und Pub­liz­ität zu ver­schaf­fen.» Also ist der Labelbe­sitzer eigentlich ein Aussen­di­en­stler? «Sozusagen. Ein­er, mit möglichst guten Beziehun­gen in die Musikredak­tio­nen der Radiostationen.».

Die hat er offen­bar: Beson­ders die SRG-Sender leis­ten gemäss dem Mouth­wa­ter­ing-Chef Ryser her­vor­ra­gende Arbeit. So hätte etwa SRF 3 unlängst das bish­erige kleine Schweiz­er Szene-Fen­ster am Sam­stagabend für elek­tro­n­is­che Musik freigeräumt und bringt nun gle­ich jeden Abend ein­heimis­che Kost aller Genre. «Da ist plöt­zlich viel mehr Sende­platz für Schweiz­er Musik. Das ist eine tolle Entwick­lung.» Eben­so rühmt Ryser die mit­tler­weile 40jährige SRF-Sendung «Sounds!» und die dritte SRG-Kette in der Romandie: «Couleur 3».

Unkonventioneller Lobbyist

Dass ein­heimis­ches und elek­tro­n­is­ches – am lieb­sten bei­des zusam­men – seinen Platz hat, darauf hat Andreas Ryser mit anderem Hut hingear­beit­et: Als Präsi­dent des Schweiz­er Labelver­bands «IndieSu­isse». Dieser wurde vor knapp drei Jahren ins Leben gerufen und ver­tritt die unab­hängi­gen Musik­la­bels und ‑pro­duzen­ten der Schweiz. «Nur gemein­sam gelingt es, den Mark­triesen Paroli zu bieten. Es braucht in den Bere­ichen Kul­tur­poli­tik, Förderung und Wirtschaft eine gute Zusam­me­nar­beit. Son­st wird der Markt nur noch von den grossen Labels bes­timmt». Diese «Major Labels» — wie sie in der Szene heis­sen — set­zen prak­tisch auss­chliesslich auf etablierte Namen, die für die kleinen Plat­ten­fir­men nicht zu bewälti­gen wären. Nis­chen­pro­duk­tio­nen kön­nen sich die Gigan­ten gar nicht erst leis­ten – wom­it der Musik­markt einige Tak­te ärmer wäre. Genau dort set­zen die Indie-Labels aller Musiksparten an.

Wenn er von Musik spricht, kommt Andreas Ryser ins Schwär­men. Der Mann lebt, was er arbeit­et. Jedoch hat das Musikgeschäft auch heute noch den Beigeschmack der Brot­losigkeit. «Ich benötige nicht viel Geld fürs Leben», sagt Ryser und schiebt die dem Kaf­fee beigelegte Schoko­lade in den Mund. Mit den immensen Chan­cen, via Inter­net weltweit agieren zu kön­nen, habe allerd­ings auch der Wet­tbe­werb enorm zugenom­men. «Man pro­duziert heute mit jedem kom­munen Com­put­er bessere Qual­ität als noch vor 30 Jahren in einem uner­schwinglich teuren Ton­stu­dio.» Andreas Ryser nen­nt diesen Prozess die Demokratisierung der Musik. «Nehmen wir die Mit­tel­strasse und stellen uns an diesen paar hun­dert Metern zwis­chen Bier­hü­be­li und Haller­laden 350 Bäck­ereien vor. Dann hat man das unge­fähre Bild der heuti­gen Musikin­dus­trie. Das über­fordert nicht nur den Markt, son­dern auch die Kon­sumenten.» Diese Entwick­lung habe sich in den let­zten Jahren verschärft.

Andreas Ryser erheis­cht einen Blick auf die Uhr und schiebt die leere Kaf­fee­tasse bei­seite. Er hat noch einen Ter­min: Am Mit­tag trifft er Par­la­men­tari­erin­nen und Par­la­men­tari­er. Als Indiesu­isse-Präsi­dent ist für ihn ein gutes Polit-Net­zw­erk Gold wert. Er wird sich freilich umziehen müssen, denke ich. Das Käp­pi bleibt wohl zu Hause — aber recht sich­er wird er auf seinem putzi­gen Klap­prad zum Bun­de­shaus fahren.

Andreas Käser­mann