Do in Rome as Romans do Das Reisebüro KaravanSerail ist auf den Orient spezialisiert

5. Feb­ru­ar 2016 | Jour­nal­is­mus, Läng­gass­blatt

Heinz Gröli© zvg

Es geht ruhig zu und her an diesem win­ter­lichen Dien­stag­mor­gen im Reise­büro an der Ecke Gesellschaftsstrasse-Neufeld­strasse. Das Tele­fon bleibt stumm – die neuen Mails im Postein­gang ver­sprechen keinen Reko­r­dum­satz. «Kar­a­vanSerail» prangt am grosszügi­gen Schaufen­ster. Und Bilder jen­er Des­ti­na­tio­nen, die Inhab­er Heinz Gröli aus dem Eff­eff ken­nt und anbi­etet: Reisen in den Ori­ent. Auf dem Trot­toir ste­ht Grölis Vespa.

aus Läng­gass­blatt 237

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«Do In Rome as Romans do» — Ver­halte Dich in einem frem­den Land so wie die Ein­heimis­chen. Wer bei Kar­a­vanSerail bucht, kann diesen Ratschlag in allen Reise­un­ter­la­gen nach­le­sen. Das Cre­do ist zugle­ich das Lebens- und Reise­mot­to des Geschäftsin­hab­ers Heinz Gröli.

Vision und Realität

Der begeis­terte Glo­be­trot­ter hat Anfang der Nuller­jahre den Sprung in den Touris­mus gewagt; seine Pas­sion zum Beruf gemacht. «Am Anfang stand die Idee, zusam­men mit meinem dama­li­gen Geschäftspart­ner in Marokko einen Zug zu kaufen und diesen zum rol­len­den Hotel umzubauen.» Die Vision scheit­erte jedoch an der Real­ität: der Umbau der Bah­n­wag­gons wäre viel zu teuer gewe­sen – der Betrieb kaum je rentabel. Den­noch war der beru­fliche Wech­sel in die Touris­mus­branche für den früheren Wer­ber und Ver­lags­fach­mann Heinz Gröli beschlossene Sache.

In Marokko baute der Branchen­neul­ing zusam­men mit einem Marokko-Ken­ner aus der Schweiz ein Hotel. Und zu Hause eröffnete er ein Reise­büro als Anlauf­stelle für die Kund­schaft. Offeriert wer­den Indi­vid­u­al­reisen ins marokkanis­che Hin­ter­land, fernab der Hotel­bur­gen an der Atlantikküste. Eine Mark­t­nis­che: «Die Riesen der Branche arbeit­en mit grossen Hotels und Kontin­gen­ten und alles dreht sich am Schluss um den Preis. Da kann ein kleines Unternehmen nicht mithal­ten.» Wenn es aber um mass­geschnei­derte Run­dreisen gehe, um Über­nach­tun­gen im Mikro­ho­tel oder in Camps am Rande eines Wadi [ara­bisch für aus­getrock­neter Flus­slauf] könne er mit Beratung in der Schweiz und mit vielfach langjähri­gen Beziehun­gen im Ziel­land punk­ten, sagt Gröli. So hät­ten alle ihren Platz im Markt.

Von einem «schö­nen Dossier» spricht Heinz Gröli, wenn er eine Reise verkauft hat – mit einem anerken­nen­den Unter­ton und nicht ganz ohne Lust freilich, sel­ber hin zu fahren. «Ich verkaufe nur Des­ti­na­tio­nen, die ich sel­ber schon bereist habe.» Das sei wichtig. Ger­ade im Ori­ent könne man nicht auss­chliesslich aus der Ferne operieren. «Der per­sön­liche Kon­takt und das gemein­same Teetrinken ist wichtig. Bloss per Mail oder Tele­fon zu agieren wäre nicht mein Ding und es würde kaum gut gehen. Wenn die Men­schen vor Ort jedoch ein Gesicht ken­nen und Ver­trauen auf­bauen kön­nen, ist fast alles möglich.» Es komme schon mal vor, dass ein Fahrer seine Gäste spon­tan mit zu sich nach Hause nimmt und sich Schweiz­er Touris­ten plöt­zlich in der ara­bis­chen Gross­fam­i­lie beim ful­mi­nan­ten Nacht­essen wiederfinden.

Das Geschäft mit den Ori­en­treisen lief lange gut; das Ange­bot wuchs: Neben Marokko bot Kar­a­vanSerail bald auch Reisen nach Ägypten, Libyen, Jor­danien und – als Per­le des Port­fo­lios – nach Syrien an. Haupt­säch­lich Run­dreisen, die indi­vidu­ell und nach Kun­den­wun­sch zusam­mengestellt wurden.

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Arabischer Frühling

Dann kam der ara­bis­che Früh­ling. Zunächst rebel­lierte Ende 2010 das Volk in Tune­sien erfol­gre­ich gegen seinen Regen­ten Zine el-Abidine Ben Ali. Die Aus­sicht auf Demokratie statt Dik­tat schien ver­heis­sungsvoll und die Welle schwappte innert weniger Wochen über auf andere nordafrikanis­che Län­der und auf jene im Nahen Osten. Ägypten entledigte sich Mubaraks, in Libyen wurde Gaddafi gestürzt und in Syrien sollte es Präsi­dent Baschar al-Assad an den Kra­gen gehen.

Mit Zuver­sicht und aus Affinität ver­fol­gte auch Heinz Gröli die Entwick­lung dieser Auf­stände. «Es schien, dass ein Ruck durch diese Wel­tre­gion geht. Dass das Sys­tem der Unter­drück­ung durch Dik­ta­toren ein Ende hat und dass Refor­men möglich sind», erin­nert er sich. Nicht nur – aber auch – beflügelt vom zumin­d­est anfangs nur pos­i­tiv ver­stande­nen ara­bis­chen Früh­ling hat Heinz Gröli sein Geschäft aus­ge­baut und sein Reise­büro von der Agglom­er­a­tion in die Stadt ver­legt, wo er 2012 an der Gesellschaftsstrasse ein­zog – nun­mehr einen Stein­wurf von zu Hause weg. «Vielle­icht sind wir Läng­gässler so, dass wir zunächst ein­mal an das Pos­i­tive glauben. Die Geschichte hat uns freilich anderes gelehrt. Was ins­beson­dere in Syrien läuft, ist erschütternd.»

Dabei denkt der Lan­desken­ner nicht auss­chliesslich an die aber­tausenden Flüchtlinge und Ver­triebe­nen; er denkt auch an die immensen Kul­turgüter, die in einem der­art lan­gen Kon­flikt unwieder­bringlich und nicht sel­ten – von welch­er Kriegspartei auch immer – mutwillig zer­stört wer­den. «Für das Land ist dies drama­tisch – auch wenn dere­inst wieder Frieden herrscht.»

Mit Wehmut denkt Gröli an seine Reisen nach Syrien. Viele sein­er Part­ner und Fre­unde vor Ort – vor­wiegend aus Damaskus – haben das Land Rich­tung Jor­danien ver­lassen. «Von anderen habe ich aber schon lange Zeit nichts mehr gehört. Ich weiss nicht ein­mal, ob sie noch leben.» Es her­auszufind­en, ist in der jet­zi­gen Sit­u­a­tion gle­icher­massen unmöglich wie beängstigend.

Aufgeben gilt nicht

Was tut jemand, dessen wirtschaftlich­es Haupt­stand­bein Syrien war? Heinz Gröli run­zelt die Stirn. Der Umsatz sei sehr rasch auf einen Drit­tel geschrumpft. Aufgeben gilt jedoch nicht: Er ver­suche, sich auf andere Reiselän­der zu konzen­tri­eren. Jor­danien etwa, sei vom Krieg im Nach­bar­land nicht betrof­fen. «Das Land ist zwar recht klein, es bietet aber eine grosse Vielfalt: imposante und ein­ma­lige Kul­turgüter – wie die Felsen­stadt Petra – dann das Tote Meer und gar Baden und Tauchen in der Bucht von Aka­ba ist möglich.» Ausser­dem sei der als grosszügig bekan­nte jor­danis­che König bei der Bevölkerung sehr beliebt; das Land poli­tisch entsprechend ruhig. Eine weit­ere Des­ti­na­tion, die er auszubauen ver­suche, sei der Oman und die Län­der ent­lang der Sei­den­strasse, sagt Gröli. Auch der Iran kommt neu ins Port­fo­lio: «Dort werde ich das Kon­tak­t­netz zu den Leuten vor Ort noch weit­er ausbauen.»

Der Dien­stag­mor­gen im ruhi­gen Reise­büro neigt sich dem Ende zu. Heinz Gröli macht heute etwas früher dicht. Dies muss er, denn am Nach­mit­tag betreut er seinen neun Monate alten Sohn. Ein Licht­blick, an diesem Win­tertag, in der sicheren Schweiz, zu Zeit­en des Bürg­erkriegs in Syrien.

Andreas Käser­mann