Heinz Gröli, KaravanSerail

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5. Februar 2016 - Länggassblatt

Es geht ruhig zu und her an die­sem win­ter­li­chen Diens­tag­mor­gen im Rei­se­bü­ro an der Ecke Gesell­schafts­stras­se-Neu­feld­stras­se. Das Tele­fon bleibt stumm – die neu­en Mails im Post­ein­gang ver­spre­chen kei­nen Rekord­um­satz. «Kara­van­Se­rail» prangt am gross­zü­gi­gen Schau­fens­ter. Und Bil­der jener Desti­na­tio­nen, die Inha­ber Heinz Gröli aus dem Eff­eff kennt und anbie­tet: Rei­sen in den Ori­ent. Auf dem Trot­toir steht Grö­lis Vespa.

«Do In Rome as Romans do» – Ver­hal­te Dich in einem frem­den Land so wie die Ein­hei­mi­schen. Wer bei Kara­van­Se­rail bucht, kann die­sen Rat­schlag in allen Rei­se­un­ter­la­gen nach­le­sen. Das Cre­do ist zugleich das Lebens- und Rei­se­mot­to des Geschäfts­in­ha­bers Heinz Gröli.

Visi­on und Realität

Der begeis­ter­te Glo­be­trot­ter hat Anfang der Nul­ler­jah­re den Sprung in den Tou­ris­mus gewagt; sei­ne Pas­si­on zum Beruf gemacht. «Am Anfang stand die Idee, zusam­men mit mei­nem dama­li­gen Geschäfts­part­ner in Marok­ko einen Zug zu kau­fen und die­sen zum rol­len­den Hotel umzu­bau­en.» Die Visi­on schei­ter­te jedoch an der Rea­li­tät: der Umbau der Bahn­wag­gons wäre viel zu teu­er gewe­sen – der Betrieb kaum je ren­ta­bel. Den­noch war der beruf­li­che Wech­sel in die Tou­ris­mus­bran­che für den frü­he­ren Wer­ber und Ver­lags­fach­mann Heinz Gröli beschlos­se­ne Sache.

In Marok­ko bau­te der Bran­chen­neu­ling zusam­men mit einem Marok­ko-Ken­ner aus der Schweiz ein Hotel. Und zu Hau­se eröff­ne­te er ein Rei­se­bü­ro als Anlauf­stel­le für die Kund­schaft. Offe­riert wer­den Indi­vi­du­al­rei­sen ins marok­ka­ni­sche Hin­ter­land, fern­ab der Hotel­bur­gen an der Atlan­tik­küs­te. Eine Markt­ni­sche: «Die Rie­sen der Bran­che arbei­ten mit gros­sen Hotels und Kon­tin­gen­ten und alles dreht sich am Schluss um den Preis. Da kann ein klei­nes Unter­neh­men nicht mit­hal­ten.» Wenn es aber um mass­ge­schnei­der­te Rund­rei­sen gehe, um Über­nach­tun­gen im Mikro­ho­tel oder in Camps am Ran­de eines Wadi [ara­bisch für aus­ge­trock­ne­ter Fluss­lauf] kön­ne er mit Bera­tung in der Schweiz und mit viel­fach lang­jäh­ri­gen Bezie­hun­gen im Ziel­land punk­ten, sagt Gröli. So hät­ten alle ihren Platz im Markt.

Von einem «schö­nen Dos­sier» spricht Heinz Gröli, wenn er eine Rei­se ver­kauft hat – mit einem aner­ken­nen­den Unter­ton und nicht ganz ohne Lust frei­lich, sel­ber hin zu fah­ren. «Ich ver­kau­fe nur Desti­na­tio­nen, die ich sel­ber schon bereist habe.» Das sei wich­tig. Gera­de im Ori­ent kön­ne man nicht aus­schliess­lich aus der Fer­ne ope­rie­ren. «Der per­sön­li­che Kon­takt und das gemein­sa­me Tee­trin­ken ist wich­tig. Bloss per Mail oder Tele­fon zu agie­ren wäre nicht mein Ding und es wür­de kaum gut gehen. Wenn die Men­schen vor Ort jedoch ein Gesicht ken­nen und Ver­trau­en auf­bau­en kön­nen, ist fast alles mög­lich.» Es kom­me schon mal vor, dass ein Fah­rer sei­ne Gäs­te spon­tan mit zu sich nach Hau­se nimmt und sich Schwei­zer Tou­ris­ten plötz­lich in der ara­bi­schen Gross­fa­mi­lie beim ful­mi­nan­ten Nacht­es­sen wiederfinden.

Das Geschäft mit den Ori­ent­rei­sen lief lan­ge gut; das Ange­bot wuchs: Neben Marok­ko bot Kara­van­Se­rail bald auch Rei­sen nach Ägyp­ten, Liby­en, Jor­da­ni­en und – als Per­le des Port­fo­li­os – nach Syri­en an. Haupt­säch­lich Rund­rei­sen, die indi­vi­du­ell und nach Kun­den­wunsch zusam­men­ge­stellt wurden.

Heinz Gröli, KaravanSerail

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Ara­bi­scher Frühling

Dann kam der ara­bi­sche Früh­ling. Zunächst rebel­lier­te Ende 2010 das Volk in Tune­si­en erfolg­reich gegen sei­nen Regen­ten Zine el-Abi­di­ne Ben Ali. Die Aus­sicht auf Demo­kra­tie statt Dik­tat schien ver­heis­sungs­voll und die Wel­le schwapp­te innert weni­ger Wochen über auf ande­re nord­afri­ka­ni­sche Län­der und auf jene im Nahen Osten. Ägyp­ten ent­le­dig­te sich Muba­raks, in Liby­en wur­de Gad­da­fi gestürzt und in Syri­en soll­te es Prä­si­dent Baschar al-Assad an den Kra­gen gehen.

Mit Zuver­sicht und aus Affi­ni­tät ver­folg­te auch Heinz Gröli die Ent­wick­lung die­ser Auf­stän­de. «Es schien, dass ein Ruck durch die­se Welt­re­gi­on geht. Dass das Sys­tem der Unter­drü­ckung durch Dik­ta­to­ren ein Ende hat und dass Refor­men mög­lich sind», erin­nert er sich. Nicht nur – aber auch – beflü­gelt vom zumin­dest anfangs nur posi­tiv ver­stan­de­nen ara­bi­schen Früh­ling hat Heinz Gröli sein Geschäft aus­ge­baut und sein Rei­se­bü­ro von der Agglo­me­ra­ti­on in die Stadt ver­legt, wo er 2012 an der Gesell­schafts­stras­se ein­zog – nun­mehr einen Stein­wurf von zu Hau­se weg. «Viel­leicht sind wir Läng­gäss­ler so, dass wir zunächst ein­mal an das Posi­ti­ve glau­ben. Die Geschich­te hat uns frei­lich ande­res gelehrt. Was ins­be­son­de­re in Syri­en läuft, ist erschütternd.»

Dabei denkt der Lan­des­ken­ner nicht aus­schliess­lich an die aber­tau­sen­den Flücht­lin­ge und Ver­trie­be­nen; er denkt auch an die immensen Kul­tur­gü­ter, die in einem der­art lan­gen Kon­flikt unwie­der­bring­lich und nicht sel­ten – von wel­cher Kriegs­par­tei auch immer – mut­wil­lig zer­stört wer­den. «Für das Land ist dies dra­ma­tisch – auch wenn der­einst wie­der Frie­den herrscht.»

Mit Weh­mut denkt Gröli an sei­ne Rei­sen nach Syri­en. Vie­le sei­ner Part­ner und Freun­de vor Ort – vor­wie­gend aus Damas­kus – haben das Land Rich­tung Jor­da­ni­en ver­las­sen. «Von ande­ren habe ich aber schon lan­ge Zeit nichts mehr gehört. Ich weiss nicht ein­mal, ob sie noch leben.» Es her­aus­zu­fin­den, ist in der jet­zi­gen Situa­ti­on gleich­sam unmög­lich und beängstigend.

Auf­ge­ben gilt nicht

Was tut jemand, des­sen wirt­schaft­li­ches Haupt­stand­bein Syri­en war? Heinz Gröli run­zelt die Stirn. Der Umsatz sei sehr rasch auf einen Drit­tel geschrumpft. Auf­ge­ben gilt jedoch nicht: Er ver­su­che, sich auf ande­re Rei­se­län­der zu kon­zen­trie­ren. Jor­da­ni­en etwa, sei vom Krieg im Nach­bar­land nicht betrof­fen. «Das Land ist zwar recht klein, es bie­tet aber eine gros­se Viel­falt: impo­san­te und ein­ma­li­ge Kul­tur­gü­ter – wie die Fel­sen­stadt Petra – dann das Tote Meer und gar Baden und Tau­chen in der Bucht von Aka­ba ist mög­lich.» Aus­ser­dem sei der als gross­zü­gig bekann­te jor­da­ni­sche König bei der Bevöl­ke­rung sehr beliebt; das Land poli­tisch ent­spre­chend ruhig. Eine wei­te­re Desti­na­ti­on, die er aus­zu­bau­en ver­su­che, sei der Oman und die Län­der ent­lang der Sei­den­stras­se, sagt Gröli. Auch der Iran kommt neu ins Port­fo­lio: «Dort wer­de ich das Kon­takt­netz zu den Leu­ten vor Ort noch wei­ter ausbauen.»

Der Diens­tag­mor­gen im ruhi­gen Rei­se­bü­ro neigt sich dem Ende zu. Heinz Gröli macht heu­te etwas frü­her dicht. Dies muss er, denn am Nach­mit­tag betreut er sei­nen neun Mona­te alten Sohn. Ein Licht­blick, an die­sem Win­ter­tag, in der siche­ren Schweiz, zu Zei­ten des Bür­ger­kriegs in Syrien.

Andre­as Käsermann