Die Tem­­po-30-Deba­t­­te

7. Janu­ar 2022 | Diver­se, Jour­na­lis­mus

© Andre­as Käsermann

Unfall­zah­len bele­gen, dass ver­kehrs­be­ru­hig­te Stras­sen und Tem­po-30-Zonen ein Mit­tel sind, um die Ver­kehrs­si­cher­heit zu ver­bes­sern. Aus­ser­dem bedeu­tet Tem­po 30 weni­ger Lärm. Das ist der Gesund­heit zuträg­lich und stei­gert die Lebens­qua­li­tät. Die Gegen­sei­te argu­men­tiert über­ra­schend mit der Aus­brem­sung des ÖVs. Die Tem­po-30-Debat­te nimmt kein Ende.

Die Dis­kus­si­on ist nicht neu: Bereits 1989 hat der Bun­des­rat die Grund­la­ge geschaf­fen, um in Wohn­quar­tie­ren Tem­po-30-Zonen ein­zu­rich­ten. Im Jahr 2001 war dies dann das Sujet der Eid­ge­nös­si­schen Volks­in­itia­ti­ve «Stras­sen für alle». Seit­her ist viel Zeit ins Land gezo­gen; Tem­po 30 ist in den urba­nen Quar­tie­ren immer häu­fi­ger die Stan­dard­ge­schwin­dig­keit. Jüngst hat sich die Stadt Zürich einen neu­en Richt­plan zuge­legt. Auf kom­mu­na­len Stras­sen legt die­ser grund­sätz­lich Tem­po 30 fest. Über­dies beab­sich­tigt die Stadt, auch über­kom­mu­na­le Stras­sen auf das tie­fe­re Limit zu beschränken.

Tem­po 30: Eine Lösung für die Gesundheit?

Die Fin­nen machen es vor: Hel­sin­ki hat mit Tem­po 30 vor zwei Jah­ren die «Visi­on Zero» erreicht. 2019 gab es null getö­te­te Fuss­gän­ge­rIn­nen, Velo­fah­re­rIn­nen und Kin­der zu bekla­gen. Die Erklä­rung hän­ge mit den Anhal­te­we­gen zusam­men. Die­se wer­den kür­zer und ein Fahr­zeug steht still, bevor Schlim­me­res pas­siert. Auch Fach­leu­te aus dem Gesund­heits­we­sen beschäf­ti­gen sich mit dem The­ma – sie war­nen vor der Lärm­be­la­stung auf stark und schnell befah­re­nen Strassen.

© Mar­tin Jäger/pixelio.de

Tags­über regel­mäs­sig dem Stras­sen­ver­kehrs­lärm aus­ge­setz­te Per­so­nen lei­den unter Kon­zen­tra­ti­ons- und Gedächt­nis­stö­run­gen sowie gene­rell unter Lei­stungs­ab­fall. Nachts stö­ren die Lärm­be­lä­sti­gun­gen den Schlaf. Lärm­be­trof­fe­ne sind häu­fig müde, gestresst und reiz­bar. Dazu kom­men mög­li­che Herz­pro­ble­me, hoher Blut­druck oder Dia­be­tes. In der Schweiz wer­den rund 500 früh­zei­ti­ge Todes­fäl­le pro Jahr der Lärm­be­la­stung zuge­schrie­ben. Durch die Tem­po­re­duk­ti­on von 50 auf 30 km/h nimmt der Stras­sen­lärm um drei Dezi­bel ab, dies ent­spricht in der Wahr­neh­mung einer Hal­bie­rung des Lärms im Ver­gleich zu Tem­po 50. Das Bun­des­ge­richt erin­nert dar­an, den Gesund­heits­schutz hin­rei­chend zu berück­sich­ti­gen. So sei die Ein­füh­rung von Tem­po 30 eine wirk­sa­me Mass­nah­me zur Bekämp­fung von Stras­sen­lärm sowie auch wirt­schaft­lich tragbar.

Zur Ver­hin­de­rung von Negativspiralen

Aktu­ell steckt die Schweiz gleich­sam noch in einer Zwi­schen­pha­se: Auf Ver­kehrs­ach­sen und Ein­fall­stras­sen gilt meist Tem­po 50, wäh­rend­des­sen ist in städ­ti­schen Quar­tie­ren häu­fig 30 das Limit. Die­se Dif­fe­ren­zen füh­ren zu einem sozia­len Gefäl­le, wel­ches auch gesell­schafts­po­li­tisch Zünd­stoff birgt: Die am besten vor Lärm geschütz­ten Quar­tie­re sind gemäss Erhe­bun­gen des Bun­des­amts für Umwelt (BAFU) auch die wohlhabendsten.

Wo also das Tem­po gesenkt wird, stei­gen mit der Lebens­qua­li­tät auch die Lie­gen­schafts­prei­se und Mie­ten. Wer sich dies nicht lei­sten kann, ist nahe­zu gezwun­gen, an lär­mi­gen Lagen zu woh­nen. Durch die­se Dyna­mi­ken wer­den Nega­tiv­spi­ra­len ange­wor­fen. Die gene­rel­le Ein­füh­rung von Tem­po 30 kann eine Mög­lich­keit bie­ten, die­sen Trend zu durchbrechen.

Wo das Tem­po gesenkt wird, stei­gen mit der Lebens­qua­li­tät auch die Lie­gen­schafts­prei­se und Mieten.

Initia­ti­ve gegen Tem­po 30

Doch die Gegen­wehr ist laut: Im Fahr­was­ser der Richt­plan­ab­stim­mung in Zürich wur­de flugs und gut ver­nehm­bar eine kan­to­na­le Initia­ti­ve gegen Tem­po 30 beschlos­sen. Deren Absen­de­rIn­nen neh­men den öffent­li­chen Ver­kehr als Argu­ment und for­dern, dass die­ser nicht durch Tem­po­li­mits behin­dert wer­den soll. Wohl­weis­lich frei­lich, dass dann auch der moto­ri­sier­te Indi­vi­du­al­ver­kehr kaum aus­ge­bremst wer­den wür­de. Unab­hän­gig davon wur­de im Dezem­ber 2020 ein neu­er Richt­plan der Stadt Zürich ver­öf­fent­licht. Im neu­en Richt­plan ist Tem­po 30 nicht flä­chen­deckend vorgesehen.

Soll­te die Initia­ti­ve erfolg­reich sein, wür­den die Städ­te in ihren Absich­ten zur Tem­po­re­duk­ti­on emp­find­lich ein­ge­schränkt. Die damit ein­her­ge­hen­de Signal­wir­kung hät­te das Zeug, die Tem­po-30-Debat­te auch aus­ser­halb des Kan­tons Zürich zu ersticken. Der umge­kehr­te Trend ist aber eben­so möglich.

Das bezeugt die Ver­gan­gen­heit: Ab 1980 wur­de ver­suchs­wei­se Tem­po 50 in aus­ge­wähl­ten Gemein­den ein­ge­führt. Zu den Pio­nie­ren zähl­te auch die Stadt Zürich, wel­che von inner­orts 60 auf «Gene­rell 50» wech­sel­te. Dies war ein Leucht­turm: Ab 1984 galt schweiz­weit im Sied­lungs­ge­biet «Gene­rell 50». Es folg­ten – durch­aus auch im Anblick des sei­ner­zeit ser­beln­den Wald­be­stands – wei­te­re Geschwin­dig­keits­re­duk­tio­nen: So senk­te der Bun­des­rat das Tem­po­li­mit auf 120 km/h auf Auto­bah­nen und 80 km/h aus­ser­orts. Zwar stimm­te die zeit­gleich auf­stre­ben­de Auto­par­tei dar­ob in den Abge­sang wüster Lie­der ein und ver­un­glimpf­te die Beschrän­kun­gen als «Tem­po Wald­ster­ben» – der pro­phe­zei­te Unter­gang der Wirt­schaft und der Frei­heit indes ist nicht eingetreten.

Modell natio­nal und inter­na­tio­nal auf der Agenda

Ent­spre­chend vor­sich­tig geht in der jüng­sten Tem­po-30-Dis­kus­si­on auch der Bun­des­rat vor: Statt das poten­zi­ell umstrit­te­ne Schlag­wort «Tem­po 30» zu ver­wen­den, plant die Lan­des­re­gie­rung in ihrer Aus­le­ge­ord­nung zur Ver­kehrs­pla­nung in den Städ­ten «ein Zonen­mo­del zur För­de­rung der Koexi­stenz aller Fahr­zeu­ge mit Prio­ri­sie­rung des rol­len­den Lang­sam­ver­kehrs.» Rege­lun­gen sol­len sich also künf­tig stär­ker am Fuss- und Velover­kehr ori­en­tie­ren. Dies wür­de wie­der die The­ma­tik Tem­po 30 widerspiegeln.

Allei­ne auf wei­ter Flur ist der Bun­des­rat mit sei­nen Absich­ten nicht: Letz­ten Herbst hat das EU-Par­la­ment mit gros­ser Mehr­heit unter ande­rem eine Geschwin­dig­keits­be­gren­zung auf Tem­po 30 in Wohn­ge­bie­ten und Orten «mit hohem Rad- und Fuss­gän­ger­ver­kehr» beschlos­sen. Das ist ein erster Schritt. Aller­dings ist der Weg noch ein stei­ni­ger, denn das Ziel ist nicht bin­dend und bedarf über­dies noch der Zustim­mung der EU-Mitgliedsländer.

Andre­as Käsermann