Die grosse Wut der Tessiner auf Bern No sole mio!

14. Jan­u­ar 2014 | Blick, Jour­nal­is­mus

Faust Ticino© blick.ch

Die Volksseele im Tessin kocht! Der Kan­ton wird als Son­nen­stube zwar allen­thal­ben geschätzt. Doch ausser­halb der Sai­son und bei weniger guten Wet­ter­prog­nosen foutiert sich ganz Hel­ve­tien um die gut 340 000 Ticinesi.

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Fernab der Schalthebel in Bern und weit­ge­hend allein gelassen, poli­tisieren sie prak­tisch unbe­hel­ligt, sodass es manch­mal zu und her geht wie wei­land im gal­lis­chen Dorf. Immer mehr haben die Nase voll. Und zwar gestrichen voll. Gründe gibt es viele:

  • Der Got­thard-Strassen­tun­nel muss wegen der anste­hen­den Sanierung geschlossen wer­den. Kommt die zweite Röhre wirk­lich vors Volk, dro­ht das Tessin für Jahre abgeschot­tet zu werden.
  • Seit 15 Jahren wird den Tessin­ern ein Bun­desratssitz ver­weigert. Kan­di­da­turen kom­men nicht ein­mal über die partei­in­ter­nen Aus­marchun­gen hin­aus. Seit Flavio Cot­ti schafften es wed­er Ful­vio Pel­li, Patrizia Pesen­ti, Mari­na Carob­bio noch Ignazio Cassis.
  • Min­destlöhne und Mass­nah­men gegen Lohn­dump­ing haben es schw­er im Bun­de­shaus. Der Arbeits­markt im Tessin wäre aber drin­gend darauf angewiesen.
  • Neuester Coup: Der Bun­desrat verzichtet auf eine Vis­ite. Seine «Tour de Schiss» macht einen Bogen um die Süd­schweiz. Für die Regierung ist das Tessin offen­bar ver­bran­nte Erde.

Die Folge: Die Tessin­er entschei­den selb­ständig und häu­fig am Main­stream vor­bei. Sog­ar deren Grüne empfehlen ein Ja zur SVP-Ini­tia­tive. Gründe: Migra­tionsprob­leme, Gren­zgänger und ein damit  über­fluteter Arbeits­markt. Mit Fol­gen, weiss die Tessin­er SP-Vizepräsi­dentin Mari­na Carob­bio (47): «Die Arbeit­slosigkeit ist höher als in anderen Lan­desteilen. Es gibt Lohn­dump­ing, und Ein­heimis­che wer­den aus dem Arbeits­markt gedrängt.» Der Bun­desrat müsste dem Rech­nung tra­gen. «Die Skep­sis gegenüber der Per­so­n­en­freizügigkeit hat nichts mit Frem­den­feindlichkeit zu tun, son­dern mit der wirtschaftlichen Situation.»

Dass die Tessin­er Grü­nen die Massenein­wan­derungs-Ini­tia­tive ent­ge­gen der nationalen Partei­räson unter­stützen, bringt Frak­tionschef Balthasar Glät­tli (41) auf die Palme: «Wenn es im Tessin Unternehmen gibt, die 2000 Franken für eine Vol­lzeit­stelle zahlen, dann ist das ein Skan­dal.» Es sei aber poli­tisch  eine völ­lig falsche Reak­tion, die SVP-Abschot­tungs-Ini­tia­tive anzunehmen. Es brauche vielmehr Min­i­mal­löhne, sagt Glät­tli. Denn: «Zu jedem Dump­in­glohn gehört ein Dumping-Arbeitgeber!»

Neu ist die kri­tis­che Hal­tung jedoch im Tessin nicht: Schon mehrmals hat die Süd­schweiz mit Entschei­dun­gen an der Urne über­rascht. Die Lega, rechts der SVP, ist auf dem Vor­marsch. Und erst im Herb­st sorgte das Ja zum Burkaver­bot inter­na­tion­al für Schlagzeilen.

Die Massenein­wan­derungs-Ini­tia­tive hat im Tessin gute Chan­cen. SVP-Gen­er­alsekretär Mar­tin Baltiss­er (44) freuts: «Wir bemerken eine bre­ite Zus­tim­mung quer durch alle Tessin­er Parteien. Betra­chtet man die Prob­leme auf dem Arbeits­markt, ist dies nachvol­lziehbar.» Die lokale Kam­pagne sei mass­geschnei­dert und nehme die Sor­gen auf, sagt Baltisser.

Das Ren­nen werde auf der Ziel­ger­aden entsch­ieden, ist Mari­na Carob­bio sich­er: «Die Stim­mung im Tessin kön­nte drehen. Wenn dem Kan­ton die Hand gere­icht würde.»

Andreas Käser­mann