Maurice Lindgren - Rathaus #1

3. Februar 2017 - Länggassblatt

Seit dem Wahl­sonn­tag Ende Novem­ber letz­ten Jah­res ist die Läng­gass-Depu­ta­ti­on im Stadt­par­la­ment um einen Namen gewach­sen: Mau­rice Lind­gren hat auf Anhieb die Wahl in den Stadt­rat geschafft. Das Läng­gass­blatt hat den Jung­po­li­ti­ker kurz vor Amts­an­tritt getrof­fen.

Treff­punkt Kung-Fu-Schu­le Fama im Weis­sen­bühl. Im Trai­nings­raum ste­hen leicht bizar­re, schwarz lackier­te, bis­wei­len gefähr­li­che anmu­ten­de Gerät­schaf­ten und Uten­si­li­en, deren Sinn oder Funk­ti­on sich dem Lai­en nicht ohne wei­te­res zu erschlies­sen ver­mag. Wing Chun trai­niert Mau­rice Lind­gren hier. Eine Kampf­sport­art zur Selbst­ver­tei­di­gung; eine Aus­prä­gung des Kung Fu, wie sie wei­land auch Bruce Lee eben­so schlag­kräf­tig wie lein­wand­ge­recht prak­ti­zier­te.

Maurice Lindgren - Wing ChunDer Kampf­sport – den Mau­rice Lind­gren seit Jah­ren lei­den­schaft­lich und mit Herz­blut betreibt – habe durch­aus etwas Phi­lo­so­phi­sches. «Über­setzt bedeu­tet Kung Fu etwa har­te Arbeit oder lan­ger Weg. Also das Dran­blei­ben mit Ein­satz, Ernst­haf­tig­keit und kri­ti­schem Geist. Das ist auf alle Lebens­be­rei­che anwend­bar», betont er. «Von einer Non­ne ent­wi­ckelt, zielt Wing Chung dar­auf ab, sich mit ein­fa­chen Bewe­gun­gen und mög­lichst wenig Kraft­auf­wand effi­zi­ent gegen einen Angrei­fer zur Wehr zu set­zen.»

Man sieht es ihm zwar nicht an, denkt sich wer Lind­grens Trai­ning beob­ach­tet; ihn aber kör­per­lich anzu­grei­fen, wäre ver­mut­lich kei­ne gute Idee. Zu Boden gehe aber im Trai­ning kei­ner, sagt Lind­gren. Die Hie­be wer­den denn auch recht­zei­tig vor der Kol­li­si­on mit dem Nacken abge­bremst, die Fäus­te tref­fen den Kie­fer des Spar­ring­part­ners nicht – zu des­sen Wohl frei­lich.

 

Freu­de an der kämp­fe­ri­schen Debat­te

Wenn schon müss­te es ein ver­ba­les Duell sein. Auch die­se Dis­zi­plin beherrscht der Jung­po­li­ti­ker, der durch­aus Par­al­le­len zwi­schen Kampf­sport und der Debat­te sieht. «Es geht hier wie dort um Respekt vor dem Gegen­über. Und dar­um, den Hebel am rich­ti­gen Ort anzu­set­zen, um eine gros­se Wir­kung zu erzie­len.»

Poli­tisch aktiv ist Mau­rice Lind­gren seit sie­ben Jah­ren. «Poli­ti­siert wur­de ich vor allem durch die Volks­ab­stim­mung über die Mina­rett-Initia­ti­ve», erin­nert er sich. «Ich konn­te nicht glau­ben, dass die­ses Volks­be­geh­ren an der Urne eine Chan­ce hat.» Das war im Novem­ber 2009. Damals wur­de das Bau­ver­bot für Mina­ret­te über­ra­schend in die Bun­des­ver­fas­sung gehievt. Mit 57.5 % Ja-Stim­men und 19.5 zustim­men­den Kan­to­nen. Wäh­rend die Rech­te jubel­te und froh­lock­te, war die Lin­ke eben­so ent­setzt wie kon­ster­niert. Für Mau­rice Lind­gren war das die Zün­dung. Als 22jäh­ri­ger war für ihn klar: Er will sich poli­tisch enga­gie­ren. Nur so unter­neh­me man etwas gegen der­lei Über­ra­schun­gen, war er der Ansicht. Bereits einen Tag nach der Abstim­mung sei er dar­um der Grün­li­be­ra­len Par­tei bei­ge­tre­ten.

Maurice Lindgren - Rathaus #2Die poli­ti­sche Mit­te ist sei­ne Hei­mat. «Sowohl SP und Grü­ne wie auch SVP und FDP sind mir zu dog­ma­tisch. Die­se Par­tei­en beschrän­ken sich viel zu stark auf Ideo­lo­gi­en und blen­den oft die Fol­gen eines Ent­scheids aus. Ich sehe mich als Prag­ma­ti­ker und bin der Ansicht, dass auch eine pro­spe­rie­ren­de Wirt­schaft umwelt­ver­träg­lich gestal­tet wer­den kann. Das ent­spricht sehr genau dem Pro­gramm der Grün­li­be­ra­len.» Die­se haben das Talent und das Enga­ge­ment Lind­grens offen­sicht­lich erkannt: Er wur­de zunächst in den Vor­stand der Stadt­par­tei gewählt und im letz­ten Jahr setz­te ihn die Par­tei gar auf den Wahl­zet­tel für die Ber­ner Stadt­re­gie­rung. Als Lis­ten­fül­ler auf dem letz­ten Platz zwar; die zusätz­li­che Publi­zi­tät, die Gemein­de­rats­kan­di­da­ten gewöhn­lich zuteil wird, war dem Wahl­kampf jedoch offen­sicht­lich zuträg­lich: Lind­gren schaff­te es als schweiz­weit ers­ter Kan­di­dat einer Lis­te der jun­gen glp und als ein­zi­ger neu­er Läng­gäss­ler in die Legis­la­ti­ve der Stadt.

 

Aus der Werk­statt an die Uni

Dass Lind­gren sich für die poli­ti­sche Mit­te enga­giert, kommt nicht von unge­fähr. Der 29jäh­ri­ge ist zwar unter­des­sen Volks­wirt­schafts­stu­dent an der Uni Bern, er hat aber bereits eine abge­schlos­se­ne Berufs­leh­re als Auto­me­cha­ni­ker im Cur­ri­cu­lum Vitae. «Ich habe immer noch Ben­zin im Blut», schwärmt er. «Ich habe mei­ne Leh­re bei einem Betrieb der Gene­ral Motors gemacht und das Dröh­nen eines V8-Motors ist Musik in mei­nen Ohren», sagt einer, der zwar von der eige­nen Cor­vet­te träumt; jedoch aus öko­lo­gi­schen Grün­den – und wohl auch aus Man­gel am nöti­gen Klein­geld – ganz aufs Auto ver­zich­tet. Das mit dem Auto­mech sei aber dann doch nicht ganz sein Ding gewe­sen. Das habe er bereits wäh­rend der Berufs­leh­re fest­ge­stellt. Vor allem mit den Berufs­kol­le­gen sei es nicht immer ein­fach gewe­sen. «Vie­le sind poli­tisch stark rechts geprägt – das war nicht mei­ne Welt.» Er ent­schied sich für die Berufs­ma­tu­ra und leg­te nach der Leh­re den Schrau­ben­schlüs­sel zuguns­ten des Stu­di­ums hin.

Nun kommt zum Abschluss des Stu­den­ten­le­bens mit dem Ein­zug in den Stadt­rat ein wei­te­rer Lebens­ab­schnitt. Und – wie er sagt – eine neue Art des «Büf­felns». Er sei vor der ers­ten Stadt­rats­sit­zung mit reich­lich Unter­la­gen ein­ge­deckt wor­den. Alles auf elek­tro­ni­schem Weg, zumal der Rats­neu­ling auf die Papier­lie­fe­rung ver­zich­tet, «Das sind Unmen­gen an Doku­men­ten und deren Spra­che ist nicht eben lese­freund­lich.» Auf die Arbeit im Par­la­ment freut sich Lind­gren jedoch unge­mein: «Man muss beschei­den blei­ben und sei­nen Ein­fluss nicht über­schät­zen. Aber es ist schon toll, wenn man an der Ent­scheid­fin­dung teil­ha­ben darf.»

 

Weh­ret den Pol­lern

Einen poli­ti­schen Mas­ter­plan habe er jedoch vor­der­hand nicht. «Zunächst muss ich mich in den Rats­be­trieb ein­ar­bei­ten. Das Hand­werk will ich mir aber rasch aneig­nen.» Ein Pro­blem aus sei­nem All­tag ist Mau­rice Lind­gren dann letzt­lich doch zu ent­lo­cken: «Ich fah­re gele­gent­lich für den Thai­food-Kurier. Und dabei ärge­re ich mich jeweils über die vie­len Pol­ler, die in Bern instal­liert wur­den.» Er sähe den Sinn und den Nut­zen von Ver­kehrs­be­ru­hi­gun­gen auch ein. «Jedoch bedeu­tet eine Durch­fahrts­sper­re an der einen Stras­se auch Mehr­ver­kehr auf einer ande­ren. Es ist ja nicht so, dass eine Fuh­re eines Pol­lers wegen nicht aus­ge­lie­fert wird.» Der Fah­rer suche sich dann halt Schleich­we­ge. Wenn dem­nach der Stadt­rat der­einst über eine neue Pol­ler­an­la­ge ent­schei­det: ohne Gegen­wehr Lind­grens wird ein sol­ches Geschäft kaum durch­kom­men. «Ich habe noch kei­ne Patent­lö­sung parat. Aber einen Pol­ler hin­zu­pflan­zen, kann ja kaum der Weis­heit letz­ter Schluss sein.»

Ein Graus sind ihm Hin­ter­bänk­ler. So wol­le er bestimmt nicht enden, sagt er. «Ich sehe mich nicht als Stimm­vieh der Frak­ti­on und will mich ein­brin­gen.» Schril­le Töne jedoch wer­den von Stadt­rat Lind­gren kaum zu erwar­ten sein. Er hat ein libe­ra­les Gemüt, wirkt ruhig und beson­nen. Kei­ner­lei Anzei­chen von Fle­gel­jah­ren. Er hat aber auch sei­ne Erwar­tun­gen ans poli­ti­sche Gegen­über: «Ich bin kein Freund von Tabus.» Es sei hin und wie­der nötig, offen und unvor­ein­ge­nom­men zu dis­ku­tie­ren. Gren­zen gibt es dabei für den Rats­no­vi­zen kei­ne: «Wir müs­sen über die Zulas­sung des Taxi­diens­tes Uber eben­so offen dis­ku­tie­ren wie über die Zukunft der Kon­ven­ti­on der Men­schen­rech­te. Dabei kann es sein, dass eine klu­ge Reform im Kon­sens ent­steht oder dass man letzt­lich doch zum Schluss kommt, dass der bis­he­ri­ge Weg der bes­te sei.» Die­se Erkennt­nis kön­ne aber nur nach einer ergeb­nis­of­fe­nen und nicht-ideo­lo­gi­schen Dis­kus­si­on gedei­hen.

 

Eine letz­te Fra­ge muss frei­lich doch noch beant­wor­tet wer­den: Ist Stadt­rat Lind­gren mit der Pip­pi-Lang­strumpf-Auto­rin Astrid Lind­gren ver­wandt? Lachen. Man bemerkt: zum ers­ten Mal hört der Jung­po­li­ti­ker die­se Fra­ge nicht. «Lind­grens gibt es in Schwe­den etwa so häu­fig wie Mül­lers in der Schweiz!» Nun, dann wäre also auch das geklärt.

Andre­as Käser­mann