Länggassblatt Nr. 240

Bild: Läng­gass­blatt

2. September 2016 - Länggassblatt

Im legen­dä­ren Bier­hü­beli gibt es einen Geheim­tipp für Lieb­ha­be­rin­nen und Lieb­ha­ber des Big­band-Jazz: Jeden Mon­tag­abend spielt das Swiss Jazz Orches­tra. Des­sen neue Sai­son star­tet im Okto­ber. Das «Läng­gass­blatt» war an der Der­niè­re der letz­ten Sai­son dabei.

Akku­rat ein­ge­rich­tet ist die Büh­ne an die­sem Mon­tag­abend im Bier­hü­beli. Edle Pul­te, wel­che jeweils einen gros­sen Noten­stän­der kaschie­ren; hin­ter jedem der Noten­stän­der ein Stuhl und auf der gan­zen Büh­ne min­des­tens zwei Dut­zend Mikro­fo­ne mit sorg­sam ver­leg­ten Kabeln, die irgend­wo unter den schwar­zen, schwe­ren Sei­ten­vor­hän­gen ver­schwin­den. Es sieht ordent­lich aus auf der Büh­ne. Aber nicht mehr lan­ge. Denn nun erschei­nen die Musi­ker mit ihren glän­zen­den Instru­men­ten auf der per­fekt aus­ge­leuch­te­ten Szene.

Swiss Jazz Orchestra

Bild: Dani­el Wietlisbach

Nun ist Schluss mit der Ruhe: Die Instru­men­ta­lis­ten neh­men ihre Plät­ze ein, eini­ge bereits im schwar­zen Anzug, ande­re gewan­det mit einer Mischung aus Ele­ganz und Casu­al Wear, einer noch im grü­nen Shirt – als ob er direkt vom Zahn­arzt­ter­min käme. Der bun­te Auf­tritt gemahnt an die Ein­nah­me der Büh­ne durch die Bour­baki-Armee. Jeder sucht sei­nen Platz, sor­tiert die Noten­blät­ter, rückt erst den Stuhl, dann sein Mikro­fon zurecht, setzt ein polier­tes Mund­stück auf sein Instru­ment. Ein paar tuscheln mit ihrem Pult­nach­barn; einer Schul­klas­se gleich, deren Leh­rer eine unvor­be­rei­te­te Klau­sur ange­setzt hat.

Der Herr am Kla­vier ganz links auf der Büh­ne ver­sucht Ord­nung zu schaf­fen. Er scheint als Kapell­meis­ter gleich­sam das Sagen zu haben. Das Getu­schel ver­ebbt und die Gesich­ter wen­den sich dem Herrn an den Tas­ten zu. Bloss zwei Män­ner mit Trom­pe­ten ganz hin­ten rechts amü­sie­ren sich offen­sicht­lich köst­lich über einen Scherz. Der Chef am Kla­vier gibt mit ein paar Anwei­sun­gen zu ver­ste­hen, was nun das offen­sicht­lich anste­hen­de ist: Orches­ter­pro­be. Die Musi­ker blät­tern erneut emsig in ihren Noten; einer von ihnen geht zum bis­lang ver­wais­ten Solis­ten-Mikro­fon am Büh­nen­rand, bläst einen kur­zen Lauf in sein Saxo­phon, als ob er sich ver­ge­wis­sern möch­te, dass sein Instru­ment auch heu­te noch klingt. Er wird nicht enttäuscht.

«Eins – zwei – eins, zwei, drei, vier …»: Der Kapell­meis­ter zählt an und die Minen wer­den allent­hal­ben ernst. Das Swiss Jazz Orches­tra spielt zur Pro­be auf. Nach einem Takt ist die Asso­zia­ti­on des Bour­baki-Frei­schär­ler­hau­fens ver­blasst. Der Beob­ach­ter wähnt sich im Chi­ca­go-Ball­room der 40er-Jah­re. Jazz at it’s best. Nie­mand wäre ernst­haft über­rascht, wenn die Sze­ne nun plötz­lich in schwarz-weiss erschie­ne und sich Meis­ter Duke Elling­ton, Croo­ner Cab Cal­lo­way oder Vir­tuo­se Dave Bru­beck gleich fin­ger­schnip­pend zu den 16 Musi­kern gesell­te und wie wei­land ein paar Num­mern zum Bes­ten gäbe.

Swiss Jazz Orchestra

Bild: Dani­el Wietlisbach

Lang­jäh­ri­ge Tradition

So geht das jeden Mon­tag­abend zu und her im Ber­ner Bier­hü­beli an der Neu­brück­stras­se. Erst Orches­ter­pro­be, wo sich Gast­mu­si­ker akkli­ma­ti­sie­ren, Solis­ten ihre Riffs noch ein­mal pro­ben, Tech­ni­ker die per­fek­te Ton­mi­schung fin­den und eine hal­be Stun­de spä­ter dann das bis­wei­len äus­serst treue Publi­kum von der Big­band – nun frei­lich voll­stän­dig uni­form im schwar­zen Anzug geklei­det – begrüsst wird. Jeden Mon­tag von anfangs Okto­ber bis Ende Mai. Seit 2003 – in weni­gen Wochen beginnt die neue Saison.

Dabei hat alles zwar ambi­tio­niert aber doch als klei­nes Pro­jekt begon­nen, sagt Johan­nes Wal­ter (Bild rechts), Trom­pe­ter seit der ers­ten Stun­de beim Swiss Jazz Orches­tra: «Die Ursprungs­idee war eine Kon­zert­rei­he am Mon­tag. Die New Yor­ker Jazz-Sze­ne kennt den Mon­tag als Big­band-Abend. Dar­an haben wir uns ori­en­tiert.» Der Grund dafür ist ein­fach: Die Musi­ker sind anfangs Woche weni­ger häu­fig anders­wo enga­giert, das Publi­kum weni­ger ander­wei­tig beschäf­tigt und auch geeig­ne­te Loka­le sind bes­ser ver­füg­bar und kön­nen einen flau­en Mon­tag mit einer soli­den Kon­zert­rei­he aufwerten.

Die Idee hat sich gut ent­wi­ckelt. Mitt­ler­wei­le ist das Swiss Jazz Orches­tra eine Insti­tu­ti­on und gemäss eige­nen Anga­ben «die meist­be­schäf­tig­te pro­fes­sio­nel­le Big­band der Schweiz.» Gut 30 Kon­zer­te spielt das Orches­ter jähr­lich im «Hübeli». Plus Gast­spie­le – unlängst etwa im Rah­men des 100-Jahr-Jubi­lä­ums der Aus­land­schwei­zer Orga­ni­sa­ti­on auf dem Ber­ner Bun­des­platz. Dane­ben tritt das Swiss Jazz Orches­tra mit Pro­jek­ten ver­schie­dens­ter Stil­rich­tun­gen auf, wel­che bis­lang zehn Ton­trä­ger hergaben.

Swiss Jazz Orchestra

Bild: Dani­el Wietlisbach

«Bue­be­tröim»

Beson­ders eines die­ser CD-Pro­jek­te sorg­te für Auf­se­hen: 2007 hat sich das Swiss Jazz Orches­tra ent­schlos­sen mit Rock- und Pop-Kory­phä­en der Schweiz zusam­men zu arbei­ten. Ent­stan­den ist die CD «Bue­be­tröim». Mit­ge­macht haben Kuno Laue­ner, Büne Huber, Polo Hofer, Sina, Phil­ipp Fan­k­hau­ser, Fre­da Good­lett, Schmidi Schmid­hau­ser und Hen­d­rix Ack­le. Das Album schaff­te es in die Schwei­zer Charts, die Tracks in die Play­lists der kom­mer­zi­ell ori­en­tier­ten Radio­sta­tio­nen und das illus­ter ver­stärk­te Swiss Jazz Orches­tra auf die Haupt­büh­ne am Gurtenfestival.

Das Pro­jekt bescher­te der Big­band natio­nal Beach­tung; inner­halb des Orche­s­tras war es aber nicht unum­strit­ten, wie sich Johan­nes Wal­ter erin­nert. «Es war bestimmt jenes Pro­jekt, das uns lan­des­weit am bes­ten sicht­bar mach­te. Jedoch hat­ten wir nach die­sem Aus­flug durch­aus auch Stim­men inner­halb der Big­band, die nicht erneut als unauf­fäl­li­ges Begleitor­ches­ter für Rock-Grös­sen spie­len, son­dern statt­des­sen künst­le­risch wie­der selbst­be­stimm­ter auf­tre­ten woll­ten.» Zwei Jah­re spä­ter hat man den­noch mit «Bue­be­tröim II» einen zwei­ten Ver­such mit teil­wei­se neu­en, jün­ge­ren Co-Stars gestar­tet, der jedoch deut­lich weni­ger Wel­len schlug.

Das Orches­tra macht seit­her in gewohn­ter Manier wei­ter. Noch heu­te – kurz vor dem mitt­ler­wei­le 14. Sai­son­start der Big­band – spielt ein Vier­tel der Musi­ker aus der Grün­dungs­for­ma­ti­on stän­dig mit. Deren Wur­zeln lie­gen in der Tra­di­ti­on der Big­band der Swiss Jazz School in Bern. Die­se hat jedoch – wie alle Hoch­schul-Big­bands – ein Pro­blem: Die Musi­ker wach­sen am gemein­sa­men Spiel, doch wenn sie das Stu­di­um abge­schlos­sen haben und rich­tig gut sind, ver­las­sen sie die Hoch­schu­le und somit auch deren Big­band. Aus der Idee einen fak­ti­schen «Brain-Drain» zu ver­hin­dern, ent­stand das Swiss Jazz Orches­tra. «Ich war im Grün­dungs­jahr 2003 Diplo­mand an der Jazz School. Der unlängst ver­stor­be­ne Schul­lei­ter Geor­ge Robert hat den Stein damals ins Rol­len gebracht. In der ers­ten Sai­son hat das jun­ge Swiss Jazz Orches­tra in Marian’s Jazz Room jeweils den Sonn­tag bestrit­ten – erst danach kam die Kon­zert­rei­he im Bier­hü­beli zustande.»

Swiss Jazz Orchestra

Bild: Dani­el Wietlisbach

Aus Freu­de am Jazz

Das Swiss Jazz Orches­tra wirkt als ein­ge­schwo­re­ne Trup­pe. Eine mit einem Hau­fen Idea­lis­mus dazu. Denn: rech­nen tun sich die Mon­tags­kon­zer­te bei­lei­be nicht immer: «Wir ver­su­chen die Ein­tritts­prei­se mit 20 Fran­ken mode­rat zu hal­ten. Das heisst aber auch, dass wir prak­tisch jeden Mon­tag defi­zi­tär abschlies­sen müss­ten, wenn wir nicht zusätz­lich Spon­so­ren­gel­der ein­neh­men wür­den.» Damit die Idee wei­ter­lebt und die Orches­ter­kas­se nicht ins finan­zi­el­le Fias­ko mün­det, wur­de ein eige­ner Trä­ger- und Gön­ner­ver­ein gegrün­det, der dem Orches­ter die mate­ri­el­le Basis sichert.

Was auf­fällt: Die Prot­ago­nis­ten an den Bier­hü­beli-Kon­zer­ten sind fast aus­nahms­los Män­ner. Eine Dame betreut wohl die Abend­kas­se und Ein­gangs­kon­trol­le; auf der Büh­ne jedoch sind bei unse­rem Besuch 16 Musi­ker, aber kei­ne Frau zu erspä­hen. Ist das Pro­jekt Big­band ein Män­ner­ding? «Ja, in wei­ten Tei­len», sagt Johan­nes Wal­ter mit etwas Bedau­ern: «Jazz – und ins­be­son­de­re die Big­band – ist lei­der nach wie vor eine Män­ner­do­mä­ne. Auch an den Jazz­schu­len stu­die­ren immer noch sel­te­ner Frau­en als Män­ner. Immer­hin haben wir gele­gent­lich Musi­ke­rin­nen als ‘Spe­cial Guest’ oder aber auch als Ersatz in den Rei­hen der Band.»

Swiss Jazz Orchestra

Bild: Dani­el Wietlisbach

Kurz­um steht nun die neue Sai­son an – mit Start am 10. Okto­ber 2016. Wie jedes Jahr gibt es rund dreis­sig Kon­zer­te. Geplant ist auch heu­er ein Pro­gramm, wie es sich die Bier­hü­beli-Gäs­te am Mon­tag gewohnt sind: «Wir wer­den wei­ter­hin unse­re bewähr­ten The­men­aben­de Latin-, Groo­ve-, Gala-, und Tri­bu­te-Night spie­len. Auch in der neu­en Sai­son haben wir neben belieb­ten Klas­si­kern auch immer wie­der viel Neu­es im Programm.»

Frei­lich bestrei­tet das Swiss Jazz Orches­tra die Auf­trit­te auch in der neu­en Sai­son nicht ganz allei­ne. Die Big­band hat inter­na­tio­nal ein gutes Renom­mee und so konn­ten auch für die neue Sai­son Jazz-Grös­sen aus aller Welt ver­pflich­tet wer­den, die der Ein­la­dung ins Bier­hü­beli fol­gen wer­den. Auf eini­ge High­lights freut sich Johan­nes Wal­ter ganz beson­ders: «Der bel­gi­sche Trom­pe­ter Bert Jor­is wird im Janu­ar 60 Jah­re alt. Das ist uns alle­mal eine Ehrung wert. Aus­ser­dem steht der deut­sche Kom­po­nist und Arran­geur Rai­ner Tem­pel auf dem Pro­gramm und der argen­ti­ni­sche Jazz­mu­si­ker und Big­band-Lea­der Guil­ler­mo Klein kommt eben­falls nach Bern. Dar­auf freue ich mich sehr.»

Die hal­be Stun­de zwi­schen Orches­ter­pro­be und Mon­tags­kon­zert neigt sich dem Ende zu. Die Musi­ker zie­hen sich aus dem Saal zurück hin­ter die Büh­ne. Auch Johan­nes Wal­ter will noch ein­mal einen kur­zen Lauf auf sei­ner Trom­pe­te spie­len, bevor es um Punkt 20 Uhr heis­sen wird: «Eins – zwei – eins, zwei, drei, vier …»

Andre­as Käsermann